Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr ist für einige eine Gelegenheit, um mal runterzukommen. Aber wie kann uns das gelingen, wenn wir ständig von Stressfaktoren umgeben sind? Tipps von Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Zwischen den Jahren sollten wir die Tage nutzen, um uns zu fragen, was uns wichtig ist und welche Werte für uns bedeutsam sind, rät Jan Kalbitzer. Mit "Runterkommen" sei nicht gemeint, faul herumzuliegen und nichts zu tun, sondern "Dinge zu tun, die den eigenen Werten entsprechen", sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie.

Soziale Kontakte als Wert

Ein Beispiel sind soziale Kontakte zu Menschen, die für uns wichtig sind. Zeit für diese Menschen zu haben, sich um sie kümmern zu können, wenn sie unsere Hilfe brauchen, kann entschleunigen, auch wenn es eigentlich anstrengend ist, sagt Jan Kalbitzer. Denn es geht darum, dass wir für diesen Wert, sich um wichtige soziale Kontakte zu kümmern, Zeit haben.

"Es geht um meine Werte, die ich habe, und da komme ich runter, weil ich Zeit für die Werte habe."
Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Damit uns klar werden kann, welche Werte uns wichtig sind, müssen wir Ankerpunkte setzen, an denen wir uns orientieren können, sagt Jan Kalbitzer. Und genau dafür sind die Tage zwischen den Jahren gut, um zu überlegen:

  • Wer ist wichtig für mich?
  • Welche Kontakte tun mir gut?
  • Welche möchte ich im nächsten Jahr häufiger haben?
  • Welche Tätigkeiten haben mir gefehlt das Jahr über, die mir wichtig sind?

Wenn wir in dieser Zeit dann auch mal die Kontrolle abgeben könnten, dann wäre das super, meint Jan Kalbitzer. Weil wir ständig die Kontrolle behalten müssten auf der Metaebene, seien wir ständig damit beschäftigt, uns selbst ständig in irgendwelchen Kontexten zu verstehen.

"Einfach mal loszulassen, einfach da zu sein, an einem Ort zu sein, mit bestimmten Menschen zu sein, ohne das die ganze Zeit reflektieren zu müssen, ist total wichtig."
Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

Wer aber eher gestresst ist, weil Zwänge dafür sorgen, Zeit mit Menschen zu verbringen, mit denen man gar keine verbringen will, könnte helfen, sich kurz herauszunehmen. "Wir müssen uns vorstellen, dass die Gefühle, die in uns entstehen, wie ein Theaterstück sind, hinter das wir kurz zurücktreten müssen", erklärt Jan Kalbitzer.

Handeln wir nach unseren Werten?

Wir sollten dann von außen betrachten, was gerade passiert und überlegen, wie wir handeln wollen, wenn wir uns an unseren Werten orientieren. Oder auch an den Menschen zu orientieren, die uns wichtig sind und uns zu fragen, wie sie handeln und warum ich sie gut finde. Und dann eben auch zu fragen, warum wir gerade die Familie treffen, statt Freund*innen, die uns wichtig sind.

Jan Kalbitzer geht es darum, dass wir für uns feststellen, warum wir bestimmte Dinge tun, uns bewusst werden, welche Bedeutung sie für uns haben. Das kann auch die Steuererklärung am Jahresende sein, um mal einen Überblick über die Finanzen zu bekommen. "Wenn mir das Orientierung im Leben gibt, dann ist das gut."

"Das Schöne ist: Wir heiligen die Dinge in unserem Leben durch Rituale."
Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie

"Runterkommen" können wir auch mit Ritualen, sagt der Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie. Gerade jetzt sei eine Zeit mit vielen Ritualen, zum Beispiel das gemeinsame Kochen an den Festtagen. Indem wir merken, welche Rituale uns guttun, hilft uns das herunterzukommen, sagt Jan Kalbitzer. Wenn dieses gemeinsame Kochen für alle einen besonderen Wert hat, dann könnten wir uns auch verabreden, dass viel öfter im Jahr gemeinsam zu tun.

Damit wären wir bei den guten Vorsätzen für das neue Jahr – und das kann schon wieder Druck aufbauen. Aber Jan Kalbitzer hat einen Trick: Erst gar keine guten Vorsätze formulieren. Denn: "Wir brauchen Leidensdruck, um uns zu verändern."

Die guten Vorsätze nehmen uns aber diesen Druck, erklärt er. Wir sollten uns lieber auf eine Sache konzentrieren, die uns richtig ärgert oder traurig macht. Das wären starke Gefühle, die uns dann dazu bewegten, etwas an einer Situation zu verändern.

Shownotes
Zwischen den Jahren
Auf die eigenen Werte besinnen und entschleunigen
vom 27. Dezember 2025
Moderatorin: 
Ivy Nortey
Gesprächspartner: 
Jan Kalbitzer, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie