Vor der Landtagswahl schaut ganz Deutschland auf Sachsen-Anhalt – vor allem auf die AfD. Wir fragen, wie es sich dort wirklich lebt. Warum gehen junge Leute, warum bleiben andere? Und wie steht es um die Zukunftschancen im Land?
Die anstehende Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am 6. September 2026 bestimmt derzeit die Debatten in Talkshows, Interviews und Feeds. Vor allem geht es um die Frage: Wird die AfD erstmals auf Landesebene mit- oder sogar allein regieren? Denn Die Umfragen zeigen seit Wochen einen eindeutigen Vorsprung der AfD gegenüber allen anderen antretenden Parteien.
"Ich habe das Gefühl, dass sich alles um die Frage dreht: Bist du für oder gegen die AfD?"
Natürlich könne man diese hohen Umfragewerte nicht übergehen, sagt unser Landeskorrespondent in Sachsen-Anhalt Niklas Ottersbach. Gleichzeitig betont er: Sachsen-Anhalt steht für mehr als die AfD und ihre Wähler*innen.
Wahlkampf: Polarisierung statt Themensetzung?
Als Korrespondent berichtet er seit mehr als sechs Jahren von hier. Vor der Wahl ist er durch Sachsen-Anhalt gereist, um herauszufinden: Geht es im Wahlkampf wirklich um die Themen, die das Land und die Menschen bewegen?
In großen Teilen nicht, so der Journalist. "Auf Social Media gehe es viel um Angst. Der Tenor ist: Wir gegen die anderen." Dabei gingen Inhalte unter, darunter das übergeordnete Thema: Demografie.
Denn mit einem Durchschnittsalter von 48,3 Jahren hat Sachsen-Anhalt (Stand 2024) die älteste Bevölkerung in Deutschland. Auch die Geburtenzahlen gehen stark zurück: 2025 wurden hier 12.000 Kinder geboren, Anfang der 1990er-Jahre waren es noch über 30.000.
"Was im Wahlkampf untergegangen ist, ist die Frage: Wie managen wir die Schrumpfung der Bevölkerung?"
Die Folge: Sowohl für die wenigen Jungen als auch für die vielen Alten fehlt es an Angeboten und Infrastruktur – etwa an medizinischer Versorgung, aber auch an Angeboten für junge Menschen.
Viele gehen weg und kommen nicht mehr wieder
Für viele junge Menschen stellt sich die Frage: Wohin zum Studium oder zur Ausbildung? Und vor allem: Wohin danach? Die Antwort lautet oft: Jedenfalls nicht zurück in den Heimatort! Vor allem dann nicht, wenn es sich um eine Kleinstadt oder ein Dorf handelt, sagt Niklas Ottersbach.
"Aus meiner alten Klasse sind gefühlt alle in die nächste Stadt weggezogen."
Lilo, 24 und Erzieherin, ist zwar in Lutherstadt Eisleben geblieben, damit sei sie aber ein Einzelfall, sagt sie. Die meisten verließen den Ort für Job oder Studium, "vielen macht aber auch der Rechtsruck Angst". Sie selbst wolle eine Gegenstimme zur AfD sein:"Ich möchte denen nicht die ganzen Stimmen überlassen."
Lilo findet auch, dass in ihrem Ort kaum etwas los ist: "Man merkt, dass der Altersdurchschnitt sehr hoch ist und es wenig Angebote für junge Menschen gibt", sagt sie.
Diese Unzufriedenheit mit fehlenden Angeboten ist für andere mit ein Grund, die AfD zu wählen. So wie für Sophie und Lenny aus Altstädt. Die 17-Jährigen dürfen zwar noch nicht wählen, sind aber von der AfD überzeugt – genauso wie ihre Eltern.
"Mit denen fühlt man sich einfach sehr vertraut und sehr verbunden. Die nehmen uns ernst und belächeln uns nicht nur."
Lenny sagt, dass er nicht vorhat, hier wegzugehen. "Ich liebe Altstädt. Das ist mein Heimatort. Hier bin ich groß geworden." Studien zeigen übrigens, dass es vor allem die Männer sind, die bleiben. Frauen seien mobiler. "Es gibt kein Bundesland in Deutschland, in dem es so einen großen Männerüberschuss gibt, wie in Sachsen-Anhalt", sagt Niklas Ottersbach.
Dabei geht es nicht nur darum, dass die Menschen aus den kleinen Städten und Dörfern in Städte wie Magdeburg oder Halle ziehen. Oft bedeutet es, dass sie das Bundesland nach dem Studium ganz verlassen. "Die Hochschulen in Sachsen-Anhalt sind zwar sehr beliebt, aber der Bleibefaktor ist nicht so groß", erklärt der Korrespondent. Das liege auch daran, dass die großen Arbeitgeber alle im Westen sitzen.
Zwischen Chemiepark und Autoindustrie
Gleichzeitig sei es nicht richtig zu sagen, in Sachsen-Anhalt gebe es keine beruflichen Perspektiven, sagt Niklas Ottersbach. Als Beispiel nennt er Leuna, den größten Chemiepark Deutschlands. "Hier werden die höchsten Gehälter in Sachsen-Anhalt gezahlt. Das bedeutet aber auch, dass die Fallhöhe hoch ist", sagt der Korrespondent. Anderes Beispiel: die Autozulieferindustrie. Hier seien knapp 25.000 Menschen beschäftigt. Doch die Branche kriselt.
"Die Automobilhersteller schließen ja nicht zuerst das Stammwerk in Wolfsburg. Das Erste, was über die Wupper geht, sind die verlängerten Werkbänke – und die stehen eben zum Teil in Sachsen-Anhalt."
Was in Sachsen-Anhalt hingegen boomt, sind erneuerbare Energien. "Es gibt kein Bundesland, in dem der Zuwachs an Batteriespeichern so groß ist wie hier. In dieser Branche liegen Chancen, es ist aber kein Jobmotor", fasst der Journalist zusammen.
Sachsen-Anhalt lässt sich eben nicht über einen Kamm scheren, so Niklas Ottersbach. Zwar gebe es ein Stadt-Land-Gefälle, aber nicht alle ländlichen Gebiete stünden wirtschaftlich schlecht da oder seien schlecht angebunden. Vor allem die Gebiete rund um die boomenden Städte Magdeburg und Halle stünden gut da.
"Es gibt in Sachsen-Anhalt nicht DEN ländlichen Raum, sondern ganz viele verschiedene ländliche Räume. Und man macht es sich zu einfach, wenn man sagt, die sind abgehängt."
Zwar hänge das Wahlverhalten teilweise mit der wirtschaftlichen Lage zusammen. Doch auch das lasse sich nicht pauschalisieren, so der Journalist. Beispiel: "Die Stadt Raguhn-Jeßnitz hat einen hauptamtlichen AfD-Bürgermeister, wirtschaftlich steht sie aber nicht schlecht da."
Warum ist die AfD so stark?
Was Niklas Ottersbachs Einschätzung nach mit Sicherheit dazu beiträgt, dass die AfD in Sachsen-Anhalt so stark ist, ist eine gewachsene rechtsextreme Szene – vor allem in ländlichen und kleinstädtischen Räumen. Das sei aber nicht über Nacht passiert, sondern über Jahre. Und niemand, keine andere Partei, habe sich dem entgegengestellt oder die entstandene Lücke gefüllt. Außer der AfD. Als Beispiel nennt Niklas Ottersbach Bitterfeld-Wolfen.
"In Bitterfeld-Wolfen stand am Ortsanfang und am Ortsende ein Plakat der AfD. In der Ortsmitte gab es eine Hüpfburg der AfD. Andere Parteien waren dort nicht mehr präsent."
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