Politische Bildung soll zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erziehen und parteipolitisch neutral sein. Wie kann das gelingen? Ein Vortrag des Politikwissenschaftlers Hubertus Buchstein über die politische Neutralität in der Bildung.
Verläuft Politikunterricht an Schulen unterschiedlich, je nachdem, ob ein konservativer Lehrer unterrichtet oder ein linker? Der sogenannte Beutelsbacher Konsens soll das verhindern. Er wurde 1976 verfasst und legt in drei Punkten fest, wie politische Bildung Jugendliche zu mündigen Bürgerinnen und Bürgern erziehen kann, ohne sie politisch zu indoktrinieren.
"Gilt das Kontroversitätsgebot ohne Grenzen? Wie ist es mit Menschenwürde verachtenden, eindeutig demokratiefeindlichen Positionen? Wie sollen wir damit umgehen?"
- Überwältigungsverbot
Es ist nicht erlaubt, Schülerinnen und Schüler im Sinne erwünschter politischer Meinungen zu überrumpeln. Sie sollen nicht indoktriniert werden, sondern zu mündigen Jugendlichen werden. - Kontroversitätsgebot
Was in Wissenschaft und Politik kontrovers erscheint, muss auch im Unterricht kontrovers abgebildet werden. Keine der wichtigen unterschiedlichen Standpunkte sollen unter den Tisch fallen. - Interessenadressierung
Schülerinnen und Schüler sollen in die Lage versetzt werden, eine politische Situation und die eigene Interessenlage zu analysieren.
Wie die AfD den Beutelsbacher Konsens für sich nutzt
Mittlerweile beruft sich jedoch auch die AfD auf den Beutelsbacher Konsens, sagt Hubertus Buchstein. "Sie fordern, dass im Namen des Kontroversitätsgebots Klimaleugnern Platz eingeräumt werden muss und dass auch alternative Thesen zum Ausbruch des Zweiten Weltkrieges hier ihren Platz finden müssen", so der Politikwissenschaftler.
An vielen Schulen, vor allem in Ostdeutschland, fühle sich das Lehrpersonal dadurch massiv in die Enge getrieben.
"Der öffentliche Vorwurf, staatliche Stellen und Medien würden das sogenannte Neutralitätsgebot missachten, ist zu einem zentralen Topos rechtspopulistischer Akteure geworden. Es ist regelrecht ein Kampfbegriff für den rechten Kulturkampf."
Hubertus Buchstein war von 1998 bis 2026 Professor für Politische Theorie und Ideengeschichte an der Universität Greifswald. Mittlerweile ist er im Ruhestand. Seinen Vortrag "Umkämpfte politische Neutralität in Bildung und Wissenschaft" hat er am 15. April 2026 im Rahmen der Ringvorlesung "Was ist schon neutral? Haltung in der Krise!" an der Uni Greifswald gehalten.
Hörtipp:
Der Tag: Die wichtigsten Themen des Tages verstehen. Wir zeigen Zusammenhänge auf – auch die, die erst auf den zweiten Blick sichtbar sind.
Unsere Hosts fragen nach, bis alles klar ist. Jeden Tag um 17 Uhr liefern wir, was hinter den Schlagzeilen steckt und was sich daraus ergibt. Ein Podcast des Deutschlandfunks.
- Gedenakenexperiment AfD-Hochschulgesetz
- Aufbau des Vortrags
- Was ist Neutralität?
- Der Beutelsbacher Konsens
- Neutralität und Konroversität in der Praxis
- Die Bedeutung des Beutelsbacher Konsenses für die Wissenschaft
