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Das afghanische Generalkonsulat in Bonn sucht per Anzeige gerade Praktikanten. Ein Alarmsignal für die Deutsch-Afghanin Patoni Teichmann. Sie sieht darin eine Strategie der Taliban, sich in Deutschland fest zu etablieren.

Auf den ersten Blick wirkt die Anzeige harmlos: Gesucht werden Praktikantinnen und Praktikanten für das afghanische Generalkonsulat in Bonn. Doch hinter dem Angebot steckt aus Sicht vieler Afghaninnen und Afghanen in Deutschland ein ernstes Problem: Das Konsulat wird inzwischen von Taliban-Vertretern geleitet.

Menschenrechtsaktivistin Patoni Teichmann sagt, die Ausschreibung löse in der Community große Unruhe aus. Viele Menschen seien vor genau diesem Regime nach Deutschland geflohen – und müssten jetzt wieder mit Taliban-Vertretern zu tun haben.

"Viele Afghaninnen und Afghanen in Deutschland sind vor genau diesem Regime geflohen. Dass nun Taliban-Vertreter in Konsulaten in Bonn und Berlin sitzen, wird deshalb von vielen als sehr belastend empfunden."
Patoni Teichmann, Menschenrechtsaktivistin

Teichmann erklärt, dass manche Afghaninnen und Afghanen inzwischen Angst hätten, sichtbar zu werden – etwa bei Protesten gegen die Taliban. Viele sorgten sich um Familienangehörige in Afghanistan oder darum, dass persönliche Daten gegen sie verwendet werden könnten.

Warum das Konsulat so wichtig ist

Das Problem: Viele Afghaninnen und Afghanen in Deutschland sind auf das Konsulat angewiesen. Dort bekommen sie wichtige Dokumente wie Reisepässe, Staatsbürgerschaftsnachweise oder Personalausweise. Diese Unterlagen werden von deutschen Behörden verlangt.

NDR-Reporter Peter Hornung recherchiert seit Monaten zu den Taliban-Strukturen in Deutschland. Er sagt: Die deutschen Behörden würden Afghaninnen und Afghanen inzwischen aktiv an das Konsulat verweisen.

"Die deutschen Behörden machen sogar Druck auf die Afghaninnen hier in Deutschland, dorthin zu gehen und sich Papiere zu holen."
Peter Hornung, NDR-Reporter

Besonders sensibel sei dabei, dass das Bonner Konsulat schon vor der Machtübernahme der Taliban eine wichtige Datenzentrale für afghanische Auslandsvertretungen war. Auf den Servern lägen persönliche Informationen über Afghaninnen und Afghanen im Ausland – etwa zu Familienverhältnissen oder Dokumenten.

Mehr als nur ein Praktikum?

Für Teichmann ist die Ausschreibung deshalb keine gewöhnliche Stellenanzeige. Sie glaubt, dass die Taliban gezielt versuchen, sich moderner und anschlussfähiger zu präsentieren – auch gegenüber jungen Afghaninnen und Afghanen in Deutschland.

"Die Taliban versuchen sich sehr häufig pragmatischer oder moderater darzustellen."
Patoni Teichmann, Menschenrechtsaktivistin

Auch Hornung hält die Ausschreibung für Teil einer größeren Strategie. Ihm zufolge richtet sich das Angebot weniger an deutsche Studierende als an junge Menschen aus der afghanischen Community. Hinweise wie gewünschte Sprachkenntnisse in Dari oder Paschtu deuteten darauf hin.

"Ich glaube schon, dass es darum geht, junge Afghaninnen oder Afghanen da anzuziehen."
Peter Hornung, NDR-Reporter

Die Bundesregierung reagiert bislang zurückhaltend. Laut Hornung wolle man die Zusammenarbeit mit den Taliban nicht gefährden – auch wegen geplanter Abschiebungen nach Afghanistan.

"Deutschland hat sich in einer gewissen Art und Weise erpressbar gemacht."
Peter Hornung, NDR-Reporter

Noch ist Deutschland innerhalb der EU ein Sonderfall: Es ist bislang das einzige EU-Land, in dem Taliban-Diplomaten offiziell akkreditiert sind.

Hornung glaubt aber, dass sich der Umgang Europas mit den Taliban gerade grundsätzlich verändert. Diese Woche habe ein Vertreter der EU-Kommission bestätigt, dass demnächst ein Besuch von Taliban-Vertretern in Brüssel geplant sei.

Langfristiges Ziel sei, meint Hornung, die Anerkennung durch Deutschland, durch Europa und am Ende auch weltweit.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Afghanisches Konsulat
Taliban-Regime sucht Praktikanten in Deutschland
vom 15. Mai 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Peter Hornung, NDR-Reporter
Gesprächspartnerin: 
Patoni Teichmann, Menschenrechtsaktivistin
Unsere Quellen: