Zwei Taliban-Diplomaten arbeiten in afghanischen Vertretungen in Deutschland. ARD-Recherchen zeigen: Das könnte Teil eines Deals sein – damit Deutschland mehr Menschen abschieben kann. Welche Auswirkungen hat das auf Afghanen in Deutschland?
Hat Innenminister Alexander Dobrindt oder hat er keinen Deal mit radikalen Islamisten gemacht? Das fragen sich viele, als im Herbst 2025 bekannt wird, dass Vertreter der Taliban in afghanischen Vertretungen in Deutschland arbeiten dürfen. Damals reagiert das Bundesinnenministerium defensiv. Sonja Kock, Pressesprecherin des Ministeriums, sagt damals: "Wir haben keine Zugeständnisse gemacht und es gibt auch keinen Deal."
Zwei Taliban-Diplomaten in Deutschland – und die Frage nach dem Preis
Um zu verstehen, warum der Deal-Vorwurf so brisant ist, lohnt ein Blick zurück. Nach dem Sturz der Taliban durch die USA waren zwanzig Jahre lang NATO-Truppen in Afghanistan – auch aus Deutschland. Am Ende scheitert ihre Idee, ein stabiles, demokratisches Afghanistan aufzubauen. Und so übernehmen die Taliban im August 2021 erneut die Macht. Viele Afghan*innen fliehen – unter anderem die sogenannten Ortskräfte nach Deutschland.
Eine Zusammenarbeit mit den Taliban galt damals als ausgeschlossen. Das unterstrich die damalige grüne Außenministerin Annalena Baerbock noch im Februar 2025. Der heutige Innenminister Alexander Dobrindt (CSU) sieht das anders. "Wer regelhafte Rückführungen nach Afghanistan ermöglichen will, muss auch mit denen sprechen, die das entscheiden."
ARD-Recherchen: Belege auf Gegenleistung liegen vor
Peter Hornung ist ARD-Korrespondent in Neu-Delhi und dort für Südostasien und damit auch für Afghanistan zuständig. Er hat recherchiert, ob an dem Vorwurf des Deals wirklich nichts dran ist. Seine Vermutung: Taliban-Diplomaten dürfen nach Deutschland kommen, im Gegenzug kann Deutschland nach Afghanistan abschieben. Denn das ist erklärtes Ziel der Bundesregierung unter Friedrich Merz und steht auch so im Koalitionsvertrag, hebt der Journalist hervor.
Im Rahmen der Recherchen hat Peter Hornung unter anderem mit einem ehemaligen Spitzenbeamten des Bundesinnenministeriums gesprochen. "Seine Einschätzung lautete ganz klar: Die Bedingung der Taliban für Abschiebungen sei eine Form von Anerkennung gewesen. Genau so habe man es auch im Ministerium verstanden."
Angst der afghanischen Community
Khushal Asefi ist Journalist und ist nach dem Machtwechsel 2021 nach Deutschland geflohen. Er muss wie viele andere Afghan*innen regelmäßig ins Konsulat, um beispielsweise seinen Pass verlängern zu lassen. Dass dort nun die Taliban sitzen, ist für ihn ein massives Sicherheitsproblem: "Sehr viele afghanische Migrantinnen und Migranten in Deutschland haben Angst, seitdem die Taliban nach Deutschland gekommen sind."
Besonders gefährlich: Die Datenbank des Generalkonsulats Bonn gilt als zentrale Sammelstelle für Auslandsvertretungen – mit Informationen zu Pässen, Familienverhältnissen, Heiratsurkunden.
"Die Taliban haben jetzt Zugang zu allen grundlegenden persönlichen Daten. Viele trauen sich nicht mehr, etwas gegen sie zu sagen oder zu schreiben."
Khushal Asefi konnte seine Dokumente verlängern, bevor die Taliban das Konsulat übernahmen. Dennoch hat er sich vorsichtshalber entschieden, bis auf Weiteres nichts mehr auf Social Media zu posten – aus Angst durch kritische Posts aufzufallen. Konsequenzen fürchtet der Journalist nicht nur für sich, sondern auch für seine Familie, die in Kabul lebt.
Verhilft Deutschland den Taliban zur Legitimation?
Während viele im Exil lebende Afghan*innen also bangen, streitet die Politik einen Deal ab. Warum eigentlich? "Im Prinzip hätte die Bundesregierung sagen können: Wir haben zugesagt, vor allem Straftäter nach Afghanistan abzuschieben. Dafür war es nötig, ein paar Taliban-Diplomaten zu akzeptieren", sagt Peter Hornung.
Doch so einfach sei es nicht. Denn der Deal scheint für Deutschland wenig erfolgreich gewesen zu sein, zeigen die Recherchen: Seit Beginn der direkten Abschiebungen wurden gerade einmal vier Straftäter nach Afghanistan zurückgeführt.
"Es sieht so aus, als hätte sich Innenminister Dobrindt von den Taliban über den Tisch ziehen lassen."
Wer vom Deal profitiert, das seien die Taliban. "Denn sie gewinnen an internationaler Legitimität", sagt Peter Hornung. Die Taliban wüssten genau, wie abhängig Deutschland von ihrer Kooperation sei. "Und sie fordern bereits mehr: weitere Diplomaten, mehr Einfluss und damit weitere Schritte in Richtung Anerkennung."
Khushal Asefi betrachtet diese Entwicklung mit Sorge und Skepsis. "Schließlich sind so viele von uns vor genau diesen Menschen geflohen. Und nun sind sie hier", sagt er. Zu dem Interview mit Deutschlandfunk Nova hat er sich dennoch entschlossen.
"Ich habe in meinem Beruf als Journalist gelernt, die Wahrheit zu sagen. Immer leise zu bleiben, nichts zu sagen, das wäre auch nicht gut für mich als Journalist."
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