Ordnung und Fortschritt – das ist Brasiliens Motto. Das Land ist riesig: Fast die Hälfte des südamerikanischen Kontinents ist brasilianisches Staatsgebiet. Mehr als 200 Millionen Menschen leben dort. Wie es den Menschen und Institutionen in Brasilien anderthalb Jahre nach dem Antritt des Präsidenten Jair Bolsonaro geht, fasst die Historikerin und Amerikanistin Ursula Prutsch in ihrem Vortrag zusammen.

Er hat das Umweltministerium zerschlagen, die Indigenen-Behörde geschwächt, ethnische und sexuelle Minderheiten bedroht und die Pandemie als "kleine Grippe" bezeichnet. Die Bilanz des brasilianischen Präsidenten Jair Bolsonaro ist ambivalent. Manche sehen ihn als Gefahr. Seine Anhänger feiern ihn hingegen bei öffentlichen Auftritten als "mito", als einen Mythos.

"Die Regierung rief zu Brandrodungen auf, hat viele Pestizide legalisiert und sie erkennt Indigenen das Recht auf ihre Schutzgebiete ab."
Ursula Prutsch, Amerikanistin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Jair Bolsonaro hat sein Amt zum 1. Januar 2019 angetreten, nachdem er in der Stichwahl im Oktober 2019 mit 55 Prozent der Stimmen gewählt worden war. Sein Gegenkandidat Fernando Haddad kam auf 45 Prozent der abgegebenen Stimmen. Wieso wurde der polarisierende Bolsonaro gewählt? Welche Rolle spielen die vorangegangenen Regierungen, die evangelikalen Kirchen und das Militär?

"Brasilien gab die Sklaverei sehr spät auf, 1888. Es hat weitaus mehr Afrikaner verschleppt als die USA. Die lange Sklavereigeschichte prägt das Land und führt zu strukurellem Rassismus."
Ursula Prutsch, Amerikanistin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Ursula Prutsch beschäftigt sich seit vielen Jahren mit Brasilien. Ihrer Ansicht nach steckt das Land in einer tiefen Identitätskrise. Noch, sagt sie, funktioniere die Gewaltenteilung in dem Land. Obwohl der Präsident tief greifende gesellschaftliche und institutionelle Veränderungen bewirkt hat. Teils auch gegen den Willen des Kongresses.

"Bolsonaro hat durch ein Dekret die Waffengesetze gelockert. Und so wurden allein 2019 200.000 Lizenzen für das Waffentragen vergeben."
Ursula Prutsch, Amerikanistin an der Ludwig-Maximilians-Universität München

Noch im Februar 2019 war die Historikerin in Brasilien, kurz bevor dort die Ansteckungsraten mit dem Corona-Virus steil anstiegen und Massengräber ausgehoben werden mussten. Im Juli wurde bekannt, dass auch der Präsident positiv auf den Erreger getestet worden sein soll. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits fast zwei Millionen Einwohner angesteckt.

Die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen, gerade in den engen Favelas, den Armenvierteln der großen Städte. Zwei Gesundheitsminister mussten unter Bolsonaro ihren Posten räumen, das Gesundheitsministerium wird – mitten in dieser Krise – seit Mai provisorisch von einem General verwaltet. Die Bilanz von Bolsonaros Krisenmanagement ist verheerend. Und sie wäre noch schlimmer, würden sich die Bewohner der Favelas und der Indigenengebiete am Amazons nicht derart gut organisieren, sagt Ursula Prutsch.

Der Vortrag:

Ursula Prutsch lehrt amerikanische Kulturgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Sie hat Brasilien oft bereist und 2013 "Brasilien: Eine Kulturgeschichte" veröffentlicht. Ihren Vortrag mit dem Titel "Brasilien: Die Zerstörung der Demokratie unter Jair Bolsonaro" hat sie am 27. Mai 2020 online gehalten, auf Einladung des digitalen Wissenschaftsprogrammes der Volkshochschulen, vhs-wissen-live.