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Sahra Wagenknecht wollte mit dem BSW eine linke Alternative zur AfD schaffen. Nun sucht sie aber selbst die Nähe zur AfD. Eine Brandmauer gibt es für sie nicht. Doch die Wahlumfragen bleiben schlecht. War es das jetzt für die Kleinpartei?

Oktober 2023: Sahra Wagenknecht verlässt nach vielen Streitereien ihre alte Partei, Die Linke. Die Politik jedoch will sie nicht verlassen. Anfang 2024 gründet sie ihre eigene Partei: das Bündnis Sahra Wagenknecht, kurz BSW.

Das BSW wollte eine "Anti-Establishment"-Partei sein und hatte außerdem ein weiteres Ziel: Sie wollte die AfD wieder kleiner machen. Gerade Letzteres war für Luca Saß aus Jena Motivation, Mitglied beim BSW zu werden.

Damals war Luca 17, inzwischen ist er 19 und mitten im Wahlkampf in Sachsen-Anhalt, wo am 6. September 2026 ein neuer Landtag gewählt wird.

Zwischen schlechten Umfragewerten, Streitereien und der AfD

Die Umfragewerte in Ostdeutschland sind für das BSW zuletzt deutlich gesunken. In den vergangenen Wochen haben zudem viele Mitglieder die Partei verlassen. Luca bleibt trotzdem dabei. Am Abend ist er bei einer Veranstaltung in Dessau, bei der auch Sahra Wagenknecht dabei sein wird.

Luca sagt: "All diese Ideale, die ich mit mir trage, soziale Gerechtigkeit, Einsatz für Menschen in sozialen Brennpunkten – für all diese Themen steht das BSW."

"Ich bin weiterhin überzeugt, dass das BSW langfristig eine wichtige Lücke im Parteienspektrum in Deutschland füllt."
Luca Saß, BSW-Mitglied

So wie Luca sehen das längst nicht alle. In Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern, Bayern und Brandenburg gab es in den vergangenen Wochen und Monaten zahlreiche Parteiaustritte.

Die Gründe sind vielfältig. In Thüringen ist der Streit diese Woche eskaliert. Dort regiert das BSW in einer "Brombeer"-Koalition mit CDU und SPD. Der dortige BSW-Vorstand will, dass der Landesverband die Unterstützung für Ministerpräsident Mario Voigt von der CDU aufkündigt, nachdem ihm sein Doktortitel wegen Plagiatsvorwürfen aberkannt wurde. Die Thüringer BSW-Fraktion hält davon allerdings nichts.

Doch bei den Streitigkeiten und den sich häufenden Parteiaustritten geht es vor allem um Sahra Wagenknechts Annäherung an die AfD.

Wagenknecht lässt Brandmauer zur AfD fallen

Luca sagt, die Äußerung von Sahra Wagenknecht, die Brandmauer zur AfD solle fallen, unterstütze er nicht. Er plädiert aber sehr wohl dafür, mit Menschen zu sprechen, die die AfD wählen. "Wenn wir die Meinungen, die die AfD vertritt, grundsätzlich ausschließen, nehmen wir auch einen Teil der Meinungen und Sorgen der Bürger nicht ernst. Genau das fordert Sahra Wagenknecht, und ich unterstütze das ausdrücklich."

Kann das BSW noch die Kurve kriegen?

Luca ist außerdem überzeugt, dass der Streit an der Basis des BSW überwunden werden kann. "Es muss weiter miteinander geredet, es müssen Kompromisse gefunden werden." Er hofft, dass das auf einem Sonderparteitag in Thüringen passiert, der bald stattfinden soll.

Politikwissenschaftlerin Sarah Wagner ist da nicht so zuversichtlich. Sie forscht an der Queen's University Belfast zum BSW.

"Man hat eigentlich das Gefühl, die Partei nimmt gerade ihren letzten Atemzug."
Sarah Wagner, Politikwissenschaftlerin

Sie forscht seit der Parteigründung zum BSW und sagt: "Das BSW steht heute an einem anderen Punkt als wir es 2023 erwartet haben." Ihr Ziel, eine Alternative zur AfD zu sein, habe die Partei deutlich verfehlt, so die Politikwissenschaftlerin. "Die AfD war noch nie stärker und steht in keinem Risiko, Wählerstimmen ans BSW zu verlieren."

Insgesamt beschreibt Sarah Wagner die Partei als zersplittert. "Zwar hängt das BSW noch an der Galionsfigur Sahra Wagenknecht, aber das Ganze ist so weit weg von einer kohärenten Partei, wie wir es uns eigentlich nur vorstellen können."

Das sei ironisch, weil Sahra Wagenknecht die Linke mit Verweis auf die vielen Streitigkeiten verlassen habe. "Drei Jahre später steht sie vor ihrem selbst kreierten Scheiterhaufen und die Linke ist stark wie seit langem nicht."

Das BSW und die Idee von einer linkskonservativen Partei

Ursprünglich, erläutert Sarah Wagner, bestand die Grundidee des BSW darin, eine Partei für linkskonservative Wähler*innen zu sein. "Das ist die Grundidee, die durchaus solide und legitim war." Man wollte Menschen erreichen, die wirtschaftlich eher links eingestellt sind, also zum Beispiel fordern, dass Reiche stärker besteuert werden, aber gesellschaftlich eher eine konservative Haltung haben, beispielsweise gegenüber Homosexualität und Gender. "Dieses Elektorat haben wir in Deutschland durchaus", resümiert die Politikwissenschaftlerin. "Und das BSW war die erste Partei, die diese Lücke füllen wollte."

Dafür wollte man unter anderem AfD-Wähler*innen von sich überzeugen, führt Sarah Wagner weiter aus. Die von Wagenknecht auferlegte Strategie dafür lautete: "AfD sollte nicht als schlechte oder gar rechtsextreme Partei abgestempelt werden sollte, weil man fürchtete, Menschen, die die AfD wählen, abzuschrecken."

"Das Feindbild des BSW war noch nie die AfD. Das Feindbild waren immer linksgrüne progressive Parteien."
Sarah Wagner, Politikwissenschaftlerin

Was macht den BSW noch aus?

Doch am Ende stellte das BSW potenziellen Wähler*innen nichts Innovatives vor – abgesehen von seiner Position zur Ukraine in den Jahren 2023 und 2024. Dieses Thema sei heutzutage in Deutschland aber nicht mehr präsent. Nun bleibe dem BSW nur noch ein Alleinstellungsmerkmal, sagt die Politikwissenschaftlerin: die Brandmauer zur AfD fallen zu lassen.

Ob diese Strategie aufgeht, daran hat Sarah Wagner Zweifel: "Die Frage, die ich mir angesichts des jetzigen Schmusekurses des BSW mit der AfD stelle, ist: Warum sollte man eine Partei wählen, die sich wie das BSW so an die AfD rankuschelt?" Diese Frage werden dann wohl die Wähler*innen beantworten – bei gleich drei Landtagswahlen im Herbst 2026.

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
BSW
Zerstört Wagenknecht gerade ihre eigene Partei?
vom 19. August 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartnerin: 
Sarah Wagner, Politikwissenschaftlerin an der Queen's University Belfast
Gesprächspartner: 
Luca Saß, Mitglied des Bündnis Sahra Wagenknecht (BSW)