Dass wir Corona-bedingt mehr Zeit mit unserem Partner oder unserer Partnerin verbringen, kann bedeuten, dass wir mehr streiten. Muss es aber nicht, sagt Therapeutin Martha Deegen. Sie empfiehlt unter anderem eine Kommunikation über eine Stresslevel-Skala und gibt Tipps, wie wir unsere Beziehung stärken können.

Die unsichere Zukunft, Geldsorgen und das Gefühl der Situation ohnmächtig ausgeliefert zu sein: Die steigenden Infektionszahlen und die Frage, ob der Lockdown light verlängert wird und für wie lange. Das alles stresst die meisten von uns. Hinzu kommt das ständige Zuhause-Hocken.

Und wer zudem mit seiner Partnerin oder seinem Partner unter einem Dach lebt, kann schon mal schneller wegen alltäglicher Kleinigkeiten gereizt sein.

Da kann es passieren, dass wir uns gegenseitig anpampen, weil der jeweils andere die Zahnpastatube nicht zugeschraubt oder das schmutzige Geschirr im Spülbecken stehengelassen hat.

"Aus einer Kleinigkeit, die normalerweise gar nicht zum Streit führen würde, entwickelt sich etwas, weil insgesamt der Spannungslevel so hoch ist.“
Therapeutin Mara Mette, Frauenberatungsstelle Aranat in Lübeck

Vielen fehlt der Ausgleich im Fitnesscenter oder der Kneipenabend mit Freunden. Manche von uns vermissen im Homeoffice ihre Kollegen und den kurzen Smalltalk an der Kaffeemaschine. Wenn am Küchentisch nur der Partner oder die Partnerin sitzt, möglicherweise auch noch selbst schlecht gelaunt, können Lappalien schnell eskalieren.

Seit dem ersten Shutdown im März suchen viel mehr Frauen Unterstützung, weil es in ihren Partnerschaften vermehrt kracht, sagt die Therapeutin Mara Mette von Frauenberatungsstelle Aranat in Lübeck.

An der Kommunikation arbeiten: Stresslevel-Skala

Die Therapeutin Martha Deegen von der Frauenberatungsstelle Aranat empfiehlt Paaren, an der Kommunikation miteinander zu arbeiten. Dazu empfiehlt sie eine Stresslevel-Skala. Wenn wir sehr gestresst sind, könnten wir unserem Partner oder unserer Partnerin beispielsweise mitteilen, dass wir gerade schon bei neun oder zehn sind. Das helfe, sachlich zu bleiben. Wenn wir ganz entspannt sind, befindet sich das Stresslevel bei eins.

"Wir nutzen die Zeit zum Aufräumen und dazu kann ja auch sowas wie Beziehungspflege gehören. Warum will ich nicht mal eine Massage ausprobieren, oder andere Dinge, die mir eine Freude sind?"
Therapeutin Martha Deegen

Aber was tun, wenn der Partner sagt, dass sein Stresslevel sehr hoch ist? Sollen wir ihn oder sie dann lieber in Ruhe lassen oder einfach wortlos kurz in die Arme nehmen? Die Therapeutin empfiehlt, sich über solche Fragen in einem ruhigen Moment auszutauschen.

Kurz innehalten

Bevor wir verbal in die Luft gehen, könnten wir auch kurz mal innehalten und überlegen, wieso uns das Verhalten unseres Gegenübers so triggert. Ist es wirklich so schlimm, dass die leere Kaffeetasse noch auf dem Tisch steht oder der andere den Müll noch nicht runtergebracht hat?

Möglicherweise gelingt es uns dann, uns einzugestehen, dass uns etwas ganz anderes auf der Seele lastet.

Wir sitzen im gleichen Boot

Lastet der Corona-bedingte Stress zu sehr auf unserer Beziehung, kann eine Strategie sein, sich immer wieder klar zu machen: Das alles kommt von außen, wir leiden gemeinsam darunter, und wir sitzen in einem Boot, so Martha Deegen.

Mehr küssen, statt zu nörgeln

Die Therapeutin glaubt sogar, dass Corona auch eine gute Zeit für Paare sein kann. Eine Zeit für Beziehungspflege, beispielsweise eine gegenseitige Massage.

Oder wir nutzen die Zeit für Gespräche darüber, was beiden in der Beziehung und aneinander wichtig ist. Auch das kann während des Lockdown light dazu beitragen, unsere Partnerschaft zu vertiefen und zu festigen.