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Mikage ist gefangen in ihrer Trauer - stoisch und resilient wie ein
Stein. Wie es in ihrem Leben weitergehen soll, weiß sie nicht. Doch sie
hat einen Lieblingsort, der ihr hilft, mit ihren Gefühlen einigermaßen
klar zu kommen. Banana Yoshimoto erzählt davon, in ihrem Roman "Kitchen".

Während Mikage das Gefühl hat, nicht zu wissen, wohin sie sich verkriechen soll, scheint sich die Trauer überall sehr wohl zu fühlen. Bis in den hintersten Winkel der Wohnung hat sie sich ausgebreitet. Da hockt Mikage und bewegt sich nicht. Vor allem nachts.

Beruhigender Kühlschrank

Mikage verzieht sich in die Küche. Sie öffnet den Kühlschrank und starrt in das helle Licht. Sie atmet die kalte Luft ein, die ihr daraus entgegenschwappt. Und sie bestaunt die Ordnung darin. Alles an seinem Platz. Alles essbar. Irgendwie. Einzelteile, die sich, wenn man es geschickt anstellt, zu einem Ganzen zusammenfügen – zu Salaten, Soßen oder Nudelgerichten. Ein bisschen hiervon, ein bisschen davon. Und das, was man nicht braucht, kommt zurück an seinen Platz.

"Mikage starrt in das helle Kühlschranklicht. Sie atmet die kalte Luft ein. Und sie bestaunt die Ordnung darin."
Lydia Herms über "Kitchen" von Banana Yoshimoto

Die Küche ist Mikages liebster Platz auf der Welt. Deshalb versucht sie das mit dem Trick. Sie schnappt sich eine Decke und legt sich auf die Fliesen neben den summenden Kühlschrank. Mit dem gleichmäßigen Summen des Kühlschranks kann Mikage endlich wieder schlafen. Sie weiß, dass sie am Morgen Rückenschmerzen haben wird. Aber was sind schon Rückenschmerzen im Vergleich zu dem Schmerz, den sie spürt, seitdem ihre Großmutter gestorben ist? Genau. Nichts.

Die Küche ist Mikages liebster Platz auf der Welt

Mikage Sakurei hat niemanden mehr, der zu ihr gehört. Als kleines Mädchen verlor sie ihre Eltern. Sie kam zu den Großeltern und wuchs bei ihnen auf. Irgendwann starb der Großvater. Jetzt also auch die Großmutter. Mikage hat das Gefühl, in einem Science Fiction-Roman gelandet zu sein. Ist es überhaupt möglich, die allerletzte Lebende einer Familie zu sein?

Von der jungen Studentin Mikage und von ihrem Umgang mit der Trauer und mit der Leere, die sie umgibt, erzählt die japanische Schriftstellerin Banana Yoshimoto in ihrem Romandebüt "Kitchen". Das Buch erschien 1988.

"Literarische Perle"

Unsere Deutschlandfunk-Nova-Buchexpertin Lydia Herms nennt "Kitchen" eine "literarische Perle". Es sei kurz, aber aufwühlend und gleichzeitig irgendwie auch ein bisschen beruhigend.

Die Autorin:

"Kitchen" war Banana Yoshimotos (ursprünglich Mahoko Yoshimoto, *1964) erstes Buch. Ihr Pseudonym lässt sich auf ihre Liebe zu den Blüten der "red banana flower" zurückführen. Diese Liebesbeziehung nahm ihren Anfang, als Yoshimoto als Kellnerin in einem Café jobbte. Während dieser Zeit entstand auch "Kitchen".

Das Buch:

"Kitchen" von Banana Yoshimoto | aus dem Japanischen ins Deutsche übersetzt von Wolfgang E. Schlecht | Diogenes Verlag | 208 Seiten | Taschenbuchausgabe: 12 Euro, E-Book: 9,99 Euro | Erschienen: 1988 (1992 auf Deutsch)