Fünf Stunden spricht der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow am 25. Februar 1956 beim Parteitag. Darin rechnet er mit seinem Vorgänger Josef Stalin ab – völlig überraschend. Doch das einsetzende "Tauwetter" hat Grenzen.
Es ist still im großen Versammlungssaal des Kreml, als am 25. Februar 1956 Nikita Chruschtschow ans Rednerpult tritt. Er ist der Chef der Kommunistischen Partei der Sowjetunion (KPdSU).
Stalin wird vom Sockel geholt
Eigentlich sind die 1400 Delegierten des Parteitags der sowjetischen Einheitspartei innerlich schon auf dem Weg nach Hause. Aber Chruschtschow hat eine Überraschung für sie: In den kommenden fünf Stunden wird er die Verbrechen seines Vorgängers und Förderers Josef Stalin auflisten.
Die Rede wird mit lähmendem Entsetzen aufgenommen. Für viele Delegierte bricht eine Welt zusammen, denn Stalin genießt bei ihnen und in weiten Teilen des Sowjetvolkes hohes Ansehen.
Chruschtschow berichtet über die Ermordung von etwa Dreiviertel aller Delegierten des 17. Parteitags der KPdSU 1934. Er schildert, wie Angehörige bestimmter Ethnien systematisch verschleppt und ermordet wurden. Er schreckt auch nicht davor zurück, Stalins Fehlentscheidungen während des Zweiten Weltkriegs aufzulisten. Millionen russische Männer und Frauen wurden dadurch Opfer des Krieges.
Die "Geheimrede" bleibt nicht geheim
Zu alledem brandmarkt Chruschtschow den maßlosen Personenkult, der um Stalin geherrscht hatte. Als Beispiele nennt er die Übertreibungen von Stalins Bedeutung beim Sieg im "Großen Vaterländischen Krieg" oder die "Hymne der Sowjetunion", die eine Lobhudelei auf Stalin, den "großen Erzieher des Volkes" gewesen sei.
Die geheim gehaltene Rede verbreitet sich in den Staaten des Ostblocks wie ein Leuchtfeuer. Denn das als "streng geheim" klassifizierte Redemanuskript an einen polnischen Kommunisten gerät, der die Blätter kopiert und sie über Umwege dem CIA gibt. Kurz danach veröffentlicht die New York Times das Manuskript.
Das politische "Tauwetter" ist nur von kurzer Dauer
Daraufhin setzt die Periode des sogenannten Tauwetters ein. In allen Bereichen der Kultur werden Regeln gelockert und für eine Weile scheint es so, als könne sich der Kommunismus von innen reformieren.
Aber schon im Oktober 1956 machen die Niederschlagungen der Aufstände in Polen und Ungarn klar, dass die Aufdeckung der stalinistischen Verbrechen keine langfristige Änderung der Verhältnisse in der Sowjetunion und den Staaten des Ostblocks nach sich ziehen wird.
Ihr hört in Eine Stunde History:
- Der Historiker Stefan Creuzberger beschreibt die Person Stalins zwischen Kriegsheld und Despot.
- Der Sowjetunion-Experte Alexander Friedman befasst sich mit Nikita Chruschtschow und dessen Rede beim 20. Parteitag der KPdSU.
- Robert Grünbaum von der Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur beschreibt, ob und wie es eine Entstalinisierung in den Staaten des Ostblocks gegeben hat.
- Der Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld blickt zurück auf die stalinistische Herrschaft und die brutale Unterdrückung Andersdenkender.
- Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Grit Eggerichs erinnert an die Rede Chruschtschows beim 20. Parteitag der KPdSU.
- Stefan Creuzberger
- Grid Eggerichs
- Alexander Friedmann
- Alexander Grünbaum
