Oft verschärfen sich die Probleme mit der Verwandtschaft über viele Jahre. Nicht selten stauen sich Wut und Traurigkeit an. Manche von uns ziehen dann die Reißleine. In der Ab 21 sprechen wir mit und über Menschen, die den Kontakt zu ihren Familien auf Eis gelegt haben.

Emma* hat im Sommer den Kontakt zu ihrer Tante und Großmutter abgebrochen. Die Gründe: Desinteresse und fehlende Wertschätzung. Was das Verhältnis zu ihrer Familie mit ihr macht, erzählt uns Emma im Gespräch. "Es gab im Laufe der letzten Jahre drei Ereignisse, die mir immer wieder einen kleinen Stoß gegeben haben, wo ich dachte, das ist eigentlich total uncool."

Was zu viel ist, ist zu viel

Björn Enno Hermans ist Psychologe und Familientherapeut. In seinem Beruf hat er immer wieder mit Klienten zu tun, die den Kontakt zu ihren Familien abgebrochen haben oder darüber nachdenken. Er erklärt, uns warum Menschen sich zu so einem Schritt entscheiden und inwiefern der Kontaktabbruch heilt.

"Wenn Differenzen und Konflikte unüberbrückbar scheinen, Kränkungen und Verletzungen so stark sind, dass keine Klärung mehr möglich erscheint, dann entscheiden sich Menschen, den Kontakt abzubrechen."
Björn Enno Hermans, Psychologe und Familientherapeut

Wissenswertes zum Kontaktabbruch

  • Die Verlassenen leiden oft enorm und können sich den Verlust meist nicht erklären. Kontaktabbrechende quält hingegen meist ein schlechtes Gewissen.
  • Laut der Psychotherapeutin Claudia Haarmann führen Probleme, die früher runtergeschluckt und verdrängt wurden, häufiger zum Bruch zwischen Kindern und Eltern. Zu den Problemen zählen mitunter der Mangel von Geborgenheit und Halt. Das führt dann bei Betroffenen zu einer "Grundunsicherheit".
  • Nicht selten geht Kontaktabbruch mit einer Ausreißergeschichte einher. So zu sehen etwa im Spielfilm "Catch me if you can" (2002). Darin sagt sich der 16-Jährige Frank (Leonardo di Caprio) von seinen Eltern los, als die ihn vor die Wahl stellen, bei wem der Junge leben will. Anschließend legt eine Bilderbuchkarriere als Weltenbummler und Hochstapler hin.
  • Kontaktabbrüche sind dabei nicht immer eine bewusste Entscheidung. Die Trennung der Eltern kann auch zu einer schleichenden Trennung zwischen Kind und Elternteil führen. Eine Studie der norwegischen Universität Bergen ergab zum Beispiel, dass nach einer Scheidung insbesondere die Kommunikation und das Vertrauensverhältnis zwischen Töchtern und dem Vater leidet. Die Kommunikation zwischen Kind und Mutter wird laut der Forschung eher weniger negativ beeinflusst. Rückführen liese sich das darauf, dass Müttern vor Gericht häufiger das Sorgerecht zugesprochen werde.
  • Gut zu wissen: In Nürnberg gibt es eine Selbsthilfegruppe für erwachsene Kinder, die sich von ihren Familien komplett lösen wollen. Der Austausch der Betroffenen wird vom gemeinnützigen Verein KISS e.V. in Nürnberg organisiert.

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*Emma heißt im echten Leben nicht Emma. Ihr Name wurde von der Redaktion geändert.