Wer zu uns nach Deutschland kommt, muss sich integrieren. Diese Forderung wird ziemlich häufig gestellt. Aber vielleicht wird in Zukunft andersrum ein Schuh draus. Einfach, weil wir nicht mehr in der Mehrheit sind, sondern in der Minderheit.

Dilek Kolat, Senatorin für Integration und stellvertretende Bürgermeisterin des Landes Berlin prognostiziert eine Bundesrepublik, in der Menschen mit Migrationshintergrund die Mehrheit bilden werden. Schon jetzt seien siebzig Prozent der neu zuziehenden Berlinerinnen und Berliner Ausländer. Und darüber freut sie sich außerordentlich. Eine deutsche Mehrheitsgesellschaft ist nach ihrer Ansicht völlig out, vielmehr wünscht sie sich Pluralität für ein künftiges Deutschland

"Wenn wir uns alle darüber verständigen, dass unsere Gesellschaft per se eine vielfältige ist, und dass die Norm ist, diese Vielfalt auch zu fördern, dann sind wir tatsächlich einen Schritt weiter."
Dilek Kolat, stv. Bürgermeisterin des Landes Berlin

Kolat hat am 5. Oktober 2015 auf einer Veranstaltung des Jüdischen Museums in Berlin gesprochen. Das Thema: "Wie integriert sich die Mehrheitsgesellschaft? Neue Perspektiven für ein Zusammenleben in Vielfalt". Kooperationspartner waren das Anne Frank Zentrum und die Friedrich-Ebert-Stiftung.

Die Professorin und Erziehungswissenschaftlerin Astrid Messerschmidt von der Technischen Universität Darmstadt nahm ausführlich zur Diskussion um den Begriff des "Rassismus" in Deutschland Stellung. Sie sagt, wir leben in einem Staat, der in seinen eigenen Institutionen, vor allem in Polizei und Schule, "ein sehr großes Problem mit gegenwärtigem Rassismus" hat und:

"...der in den staatlichen Institutionen rassistische Diskriminierungen praktiziert, ausübt - häufig in einer Form, die institutionalisiert ist und normalisiert. Es fällt nicht mehr auf, es ist in den Strukturen verankert."
Astrid Messerschmidt, Erziehungswissenschaftlerin

So werde zum Beispiel das Wort "Migrationshintergrund" im Sprachgebrauch benutzt, um andere fremd zu machen. Dabei seien gerade wir Deutsche alles andere als rein. Denn für niemanden von uns sogenannten Herkunftsdeutschen könne die Unschuldsvermutung gelten. Dafür seien wir auch heute noch zu eng mit dem historischen Unrecht des Nationalsozialismus verwoben.