• Deutschlandfunk App
  • ARD Sounds
  • Spotify
  • Apple Podcasts
  • Abonnieren

Die Regierung will Milliarden bei den Krankenkassen sparen. Psychotherapeutin Janna fragt sich: "Kann ich mir weiter eine Praxis leisten?" Was ändert die Gesundheitsreform für uns – und wird es jetzt noch schwieriger, einen Therapieplatz zu finden?

Janna Riediger ist gerne Psychotherapeutin. "Ich erlebe hier in der Praxis jeden Tag Menschen, die so dankbar dafür sind, dass ich ihnen zuhöre, dass ich ihnen mit meinen Methoden helfen kann", und das macht sie glücklich, sagt sie.

"Mir macht es unfassbar Spaß, wenn ich merke, dass das fruchtet, dass ich Menschen aus Krisen heraushelfen kann."
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Janna ist tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapeutin und hat eine Weiterbildung in Traumapsychotherapie. Viele ihrer Patienten und Patientinnen benötigen wirklich dringend Hilfe. Aber jetzt sind sie verunsichert. Und auch Janna selbst ist es.

Der Grund: Der Bundestag hat heute (10.07.2026), kurz vor der Sommerpause, eine Reform der gesetzlichen Krankenversicherung beschlossen. Denn der fehlen im kommenden Jahr 19 Milliarden Euro. Damit die Krankenkassenbeiträge nicht immer weiter steigen, muss gespart werden.

Spargesetz wegen Finanzloch

Und das in allen möglichen Bereichen im Gesundheitswesen – alle sollen den Gürtel enger schnallen. Das Spargesetz wurde im Vorfeld der Abstimmung heiß diskutiert. Von Kahlschlag war bei der Bundestagsdebatte etwa die Rede und sogar davon, dass die Reform Menschenleben gefährde.

Die Opposition wollte die Abstimmung eigentlich noch verhindern, weil bis kurz vor Schluss noch an dem ziemlich langen Gesetzentwurf getextet wurde. Bei so vielen Änderungen könne man in so kurzer Zeit gar nicht durchblicken, so die Kritik. Am Ende stimmte der Bundestag dem Reformvorhaben aber zu.

"Da geht es um sehr viel. Auch persönlich für Bundeskanzler Friedrich Merz. Der will ja als Reformkanzler gelten."
Felicitas Boeselager, Korrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks

Warum die Eile? Hauptstadtkorrespondentin Felicitas Boeselager meint: Zum einen, weil die Regierung beweisen will, dass sie Reformen umsetzen kann. Denn die Regierungskoalition aus CDU, CSU und SPD hatte versprochen, noch vor der parlamentarischen Sommerpause die Beitragssätze in der gesetzlichen Krankenkasse zu stabilisieren.

Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wolle nun zeigen, dass er das geschafft habe. Zum anderen eile es aber auch inhaltlich: "Dieses Finanzloch bei den Krankenkassen muss wirklich angegangen werden."

Einschnitte bei Psychotherapie

Nun wurde die Reform also beschlossen. Und sollten diese Änderungen tatsächlich so kommen, könnte sich auch in der Psychotherapie bald einiges ändern – zum Nachteil für Therapeut*innen und für Patient*innen, so die Sorge vieler.

"Es haben mich schon sehr viele Patienten gefragt: Wie ist das denn, wenn Sie Patienten abgeben müssen – darf ich denn dann bleiben?"
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Und das in einer Zeit, in der es ohnehin an Therapieangebot mangelt. Therapeut*innen müssen schon jetzt viele Patient*innen abweisen, weil es nicht genug freie Therapieplätze gibt, insbesondere für Kassenpatient*innen.

Auch bei Janna Riediger ist das so. Seit Jahren beobachtet sie in ihrer Praxis, die sie gemeinsam mit ihrem Vater führt, dass die Anfragen zunehmen – besonders seit der Corona-Pandemie habe sich die Lage zugespitzt.

"Das ist, was ich fast am belastendsten an diesem Job finde: die Patienten abzulehnen in ihrer Not. Und ich kann ihnen auch überhaupt keinen Tipp geben, was sie machen sollen."
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Aktuell kann sie selbst gar keine neuen Patient*innen mehr annehmen, weil ihre Plätze voll sind. Wenn mal einer frei wird, wählt sie nach Dringlichkeit aus, erzählt sie. Nach der Flut im Ahrtal etwa, als viele akut traumatisierte Menschen Hilfe suchten, zog sie die vor.

"Ich weiß nicht, wie das gehen kann, soll, muss."
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Das heißt aber auch: Andere, die auch Hilfe bräuchten, fallen hinten runter. Das belastet Janna, sie fühlt sich hilflos. Und dieses Problem könnte sich jetzt weiter verschärfen. Denn im Zuge der beschlossenen Sparmaßnahmen bei der gesetzlichen Krankenversicherung sollen sich im Bereich der Psychotherapie zwei bedeutende Punkte ändern:

1. Die sogenannte Budgetierung

Ein*e Psychotherapeut*in mit einem Kassensitz hat einen Versorgungsauftrag, muss also eine bestimmte Anzahl an Kassenpatient*innen pro Woche behandeln. Wenn Therapeut*innen darüber hinaus noch mehr gesetzlich Versicherte behandeln, bekommen sie diese Extrastunden von den Krankenkassen bezahlt. Das soll sich nun ändern: Diese Extrastunden sollen bald weniger oder nicht mehr bezahlt werden.

2. Das Honorar von Psychotherapeut*innen

Es gibt in Deutschland bislang ein Mindesthonorar für Therapeut*innen für eine 50-minütige Therapiesitzung. Diese Untergrenze funktioniert als eine Art Schutz, damit sie genug verdienen. Anders als ein Hausarzt oder eine Zahnärztin etwa können sie nämlich keine Zusatzleistung anbieten, um ihr Einkommen aufzustocken, so die Begründung. Bislang. Denn dieses garantierte Mindesthonorar soll nun wegfallen.

"Für mich persönlich wird sich natürlich verändern, dass ich überdenken muss, ob ich mir das finanziell leisten kann, weiter so eine Praxis zu füllen."
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Janna befürchtet, dass sie ihre Patient*innen seltener empfangen kann und noch mehr Menschen abweisen muss. Wie viele Therapeutinnen und Therapeuten hat auch sie nur einen halben Kassensitz, das entspricht 18 von der Kasse bezahlten Therapiestunden pro Woche.

Würde sie weiterhin über diesen gesetzlichen Versorgungsauftrag hinaus behandeln, würde sie das dann nicht mehr oder zumindest weniger bezahlt bekommen, sollte die Regelung so kommen.

Schlechte Nachrichten für Kassenpatient*innen

Hauptstadtkorrespondentin Felicitas Boeselager teilt diese Sorge: "Wenn die Kasse das jetzt nicht mehr bezahlt, dann bedeutet das natürlich, dass die Therapeutinnen und Therapeuten diese Patientinnen und Patienten nicht mehr aufnehmen können. Und das hat dann natürlich auch wirtschaftliche Folgen für die Praxen." Wie sich das konkret auswirken würde, sei noch unklar, "aber die Warnungen halte ich schon für gerechtfertigt."

Janna befürchtet, dass sie nicht mehr kalkulieren könnte, wenn das Gehalt nicht mehr nach unten geschützt wäre. Unter dem Strich müsse sie sich dann überlegen, ob sie von dem Job noch leben kann oder vielleicht alternative Möglichkeiten finden muss, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

"Es sind jetzt schon viele Rufe laut geworden von Psychotherapeuten, die ihre Kassensitze zurückgeben."
Felicitas Boeselager, Korrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks

Für die Psychotherapeut*innen könnte das tatsächlich existenziell werden, glaubt auch Felicitas. Eine Option für die Therapeut*innen wäre dann, mehr Selbstzahler*innen und Privatpatient*innen zu nehmen, erklärt Felicitas. Aber das wäre für die Kassenpatient*innen natürlich schlecht, weil diese Plätze dann für sie wegfielen.

Dass gespart werden muss, ist klar, das schätzt auch unsere Korrespondentin so ein, "aber konkret diese Änderungen bei Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten verstehe ich nicht", sagt sie. Zumal sie seltsamerweise auch quasi erst in letzter Minute ins Gesetz gekommen seien.

Sparen an Psychotherapie könnte teuer werden

Auch Janna hinterlässt die Entscheidung des Bundestags ratlos. Denn es ist offensichtlich, dass psychische Belastungen und Erkrankungen in der Bevölkerung, gerade bei jungen Menschen, zunehmen und es zu wenig Therapieplätze gibt. "Es müsste eigentlich mehr geben – und jetzt wird da mehrfach gespart", so die Psychotherapeutin.

Dabei wissen wir, sagt Felicitas Boeselager, dass es volkswirtschaftlich gar nicht schlau ist, wenn Menschen psychische Krankheiten verschleppen, weil es viel teurer wird, wenn sie nicht rechtzeitig behandelt und dann langzeitkrank werden.

Therapeutin Janna Riediger nennt mit Verweis auf Forschung zum Nutzen von Psychotherapie Zahlen: "Für jeden Euro, der in die Psychotherapie investiert wird, gehen diese Schätzungen davon aus, dass ungefähr drei bis vier gespart werden." Weil Therapie Menschen eben auch arbeitsfähig hält.

Die Rolle von Bund und Pharmaindustrie

Felicitas Boeselager meint, es gebe zudem viel größere Sparhebel als den, bei der Psychotherapie anzusetzen. Zum Beispiel könne sich der Bund mehr bei den Ausgaben für die Krankenkassen beteiligen. Denn die gesetzlich Versicherten tragen die Kosten für Menschen, die in Grundsicherung sind.

Diese Aufteilung sei nicht ganz gerecht: Warum sollten das nicht auch beispielsweise die Privatversicherten tragen, fragt sie. Eigentlich sei das die Aufgabe des Steuerzahlers, des Haushalts, da müsste auch der Bund mehr in die Verantwortung genommen werden.

"Der Bund übernimmt bei Weitem nicht die Aufgabe, die er da erfüllen müsste."
Felicitas Boeselager

Und auch die Pharmaindustrie trage nach diesem Vorschlag zu wenig bei. Die habe großen Druck gemacht und mit Investitionsstopp gedroht, sollte der geplante Hersteller-Rabatt kommen. Zunächst war nämlich vorgesehen, dass Hersteller von patentgeschützten Medikamenten einen dynamischen Rabatt an die Krankenkassen gewähren, der sich an deren finanzieller Lage orientiert – jedes Jahr neu festgelegt, abhängig von den Ausgaben der Kassen, ohne fixe Obergrenze.

Das wurde geändert. Jetzt soll es einen festen Rabatt von 15,5 Prozent geben. Das ist ein Riesenerfolg für die Pharmaindustrie, erklärt Felicitas: "Ich würde schon sagen, dass die Regierung der Pharmaindustrie besser zugehört hat als anderen Lobbys."

Sparmaßnahmen könnten noch abgemildert werden

Allerdings: Es ist noch nicht sicher, ob das wirklich alles so kommt, wie es nun verabschiedet wurde. Die heftige Diskussion im Bundestag, die Petitionen, die Kritik von Therapeut*innen und Patient*innen und mehr – all das scheint doch zumindest ein bisschen Wirkung bei der Koalition gezeigt zu haben.

Denn die Regierungsfraktionen von Union und SPD haben begleitend zu dem Sparpaket noch einen sogenannten Entschließungsantrag beschlossen, mit dem sie das Gesetz etwas abmildern wollen, zum Beispiel im Bereich Kinder- und Jugendpsychotherapie und für schwer psychisch Erkrankte. So ein Antrag ist erst mal nur symbolisch, nicht bindend – aber immerhin.

Warken: Reform bei Psychotherapie noch mal prüfen

Und Bundesgesundheitsministerin Nina Warken hat im Zuge der Debatte gesagt, im Herbst wolle man sich des Themas noch mal annehmen und auch überlegen, wie man es schaffen könne, dass Therapieplätze nicht so schwer zugänglich sind.

Psychotherapeutin Janna Riediger setzt aber wenig Hoffnung auf eventuelle Nachverhandlungen. Zwar würde sie es begrüßen, wenn das Gesetz zugunsten von Kindern, Jugendlichen und schwer erkrankten Menschen nachgebessert würde. Aber Patient*innen, die mittelschwer erkrankt sind, aber immer der Gefahr unterlägen, schwerer zu erkranken, wenn sie nicht behandelt werden, würden dabei dennoch durchs Raster fallen.

Hoffnung schöpft sie gerade vor allem daraus, dass ihre Berufsverbände "auf Hochtouren laufen" und die Psychotherapeut*innen sich zusammenschließen und gemeinsam kämpfen – nicht zuletzt für ihre Patient*innen, sagt sie.

"Das werden wir vor allen Dingen für unsere Patienten tun. Und das, finde ich, gibt Hoffnung."
Janna Riediger, Psychotherapeutin

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Gesundheitsreform
Gibt es bald weniger Psychotherapie-Plätze?
vom 10. Juli 2026
Moderation: 
Rahel Klein
Gesprächspartnerin: 
Janna Riediger, Psychotherapeutin
Gesprächspartnerin: 
Felicitas Boeselager, Korrespondentin im Hauptstadtstudio des Deutschlandfunks