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Journalisten werden verhaftet, Nachrichtenseiten gesperrt, TV-Sender einfach abgeschaltet. In der Türkei wird es für kritische Medien immer enger. Was riskieren Menschen, die trotzdem weiter kritisch über Erdoğans Regierung berichten?

Die Türkei sei noch nie eine solche Hölle für Journalisten gewesen wie jetzt – so formuliert es Can Dündar, türkischer Journalist und ehemaliger Chefredakteur der Tageszeitung Cumhuriyet, in einem Interview mit dem ZDF. Er selbst ist in der Türkei wegen seiner Berichterstattung zu 27,5 Jahren Haft verurteilt worden; 2016 floh er nach Deutschland.

Die Zeitung Cumhuriyet gibt es weiterhin. Halk TV hingegen gibt es seit vergangener Woche (14.10.2026) nur noch dem Namen nach, sagt Stella Männer. Sie arbeitet als ARD-Korrespondentin und berichtet derzeit aus Istanbul.

Die Redaktion von Halk TV, einem der reichweitenstärksten türkischen Sender, wurde vergangene Woche (14.10.2026) von der Polizei gestürmt. Elf Mitarbeiterinnen wurden festgenommen. "Der Sender ist unter Zwangsverwaltung gestellt worden. Das heißt, dort wird nur noch ein regierungsnahes Programm laufen", erklärt die Korrespondentin. Die meisten dort arbeitenden Journalist*innen hätten ihren Job verloren oder würden ihn verlieren. Der Chefredakteur habe aus Protest gekündigt.

Ein weiterer Fall, der sich kürzlich ereignet hat, ist die Sperrung der Nachrichtenwebsite T24. "Die Website ist in der Türkei nicht mehr auffindbar", berichtet Stella Männer. Die Redaktion gebe es noch, doch die Berichterstattung laufe nur noch über die App.

Massiver Druck auf Medien: Warum gerade jetzt?

Laut der Journalistin gibt es zwei Gründe, warum die türkische Regierung den Druck auf Journalist*innen und Medienhäuser ausgerechnet jetzt wieder verstärkt hat. "In erster Linie geht es um den Machterhalt. 2028 stehen in der Türkei Wahlen an, und Erdoğan möchte unbedingt an der Regierung bleiben." Daher gehe er derzeit massiv gegen die Opposition und gegen eine Berichterstattung vor, die seine Zustimmung in der Bevölkerung gefährden könnte.

Außerdem habe die kritische Berichterstattung der Sender über einen Fondsskandal eine Rolle gespielt, sagt Stella Männer.

"Dass zu diesem Zeitpunkt gegen Halk TV und T24 vorgegangen wird, ist sicher kein Zufall. Hier hat es gerade den wahrscheinlich größten Skandal um staatlich kontrollierte Investmentfonds gegeben. Viele Menschen haben dadurch viel Geld verloren."
Stella Männer, Korrespondentin in Istanbul

Die Journalistin fasst zusammen, worum es geht: Staatlich kontrollierte Investmentfonds seien künstlich aufgebläht worden. Viele Menschen, die ihr Geld vor der Inflation schützen wollten und in diese Fonds investiert hatten, hätten dadurch viel Geld verloren.

Auch hochrangige Regierungsmitglieder sollen in den Skandal verstrickt sein, berichtet Stella Männer. "Einige von ihnen haben durch Insiderinformationen vor dem Platzen der Blase ihre Anteile verkaufen können und dadurch sehr viel Geld gewonnen. Halk TV und T24 gehörten zu den wenigen Kanälen, die darüber berichtet haben." Daraufhin sollen selbst AKP-Anhänger angefangen haben, Halk TV zu schauen.

Festnahmen und Haftstrafen wegen kritischer Berichterstattung

Insgesamt ist die Arbeit für Journalist*innen in der Türkei aufgrund der Repressionen schwierig und gefährlich. Das spiegelt sich auch in der Rangliste der Pressefreiheit wider, die die Organisation Reporter ohne Grenzen erstellt. 2026 liegt die Türkei auf Platz 163 von 180 Ländern.

"Freie Journalist*innen werden festgenommen und teilweise auch zu Haftstrafen verurteilt", berichtet Stella Männer. Oft werde ihnen vorgeworfen, Desinformationen zu verbreiten, den Präsidenten zu beleidigen oder Volksverhetzung zu betreiben.

"Die Arbeit von Journalisten ist sehr stark eingeschränkt. Behörden gehen gegen Medien vor, die Zahl der Festnahmen ist hoch."
Stella Männer, Korrespondentin

Am Samstag (24.10.2026) wollen Journalist*innen gegen die jüngsten Eingriffe in ihre Arbeit demonstrieren, sagt Stella Männer. Sie selbst sei gespannt, wie viele sich überhaupt auf die Straße trauten – denn das Vorgehen der Regierung mache vielen Angst.

Ali Çelikkan arbeitet in Deutschland für Reporter ohne Grenzen. Er war bis 2016 als Journalist für Cumhuriyet tätig, nämlich für dieselbe Tageszeitung, bei der Can Dündar bis 2015 Chefredakteur war. Im November 2016 wurden erneut Mitglieder der Redaktion festgenommen. Ali Çelikkan war damals als Gastjournalist bei der Berliner Tageszeitung taz. Nach den Vorfällen entschied er sich, in Deutschland zu bleiben.

"Die Repressionen kommen in Wellen – meistens vor Wahlen. Und dann ist es wieder ein bisschen lockerer."
Ali Çelikkan, Reporter ohne Grenzen

Heute berät er türkische Journalisten. Oft gehe es um Asylanträge, sagt er. "Es wird immer schwieriger zu zeigen, dass die Journalist*innen bedroht sind, wenn sie in die Türkei zurückkehren." Die neuen Asylregeln machten es jedoch zunehmend schwieriger, entsprechende Anträge zu begründen. Eine weitere Aufgabe bestehe darin, Kampagnen für in der Türkei inhaftierte Journalist*innen zu unterstützen.

Ali Çelikkan selbst kann noch in die Türkei reisen. Das liegt daran, dass er nie aus dem Land fliehen musste und kein Verfahren gegen ihn läuft oder jemals gelaufen ist. Dennoch müsse er vorsichtig sein. Jede Reise in die Türkei sei ein Risiko.

"Bevor ich in die Türkei reise, bereite ich mich vor. Ich bin in Kontakt mit einem Anwalt und ich nutze eigentlich kein Social Media."
Ali Çelikkan, Reporter ohne Grenzen

Kaum Hoffnung auf Besserung

Beobachterinnen, mit denen die Korrespondentin Stella Männer gesprochen hat, gehen nicht davon aus, dass sich die Lage der Journalist*innen in der Türkei verbessern wird. "Es ist davon auszugehen, dass diese Welle des Vorgehens gegen regierungskritische Stimmen so anhalten wird."

Hinzu komme, dass auch regierungsnahe Unternehmen oder Konzerne Redaktionen und Zeitungen aufkauften und so dazu brächten, staatskonform zu berichten. Beispiele dafür seien die Zeitung Hürriyet und der Fernsehsender CNN Türk.

Ali Çelikkan verfolgt die Entwicklungen in der Türkei intensiv. Schließlich gehe es um seine Kolleg*innen, die betroffen seien. Er erzählt: "Ich denke im Moment an meine Kollegin. Sie hat 2024 nur einen Artikel über LGBTQ geschrieben. Dafür sitzt sie seit über einem Monat im Knast." Trotz aller Angst und Repressionen gebe es Journalist*innen, die weiterhin kritisch berichteten, betont er. "Das gibt mir Hoffnung."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Journalismus in der Türkei
Wer Erdogan kritisiert, lebt gefährlich
vom 21. Oktober 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Ali Çelikkan, türkischer Journalist, lebt inzwischen in Berlin
Gesprächspartnerin: 
Stella Männer, freie Korrespondentin