Die Gleichheit aller Menschen steht zwar in unserem Grundgesetz, doch in Wirklichkeit sei unsere Gesellschaft in vier Gruppen aufgeteilt, so Andreas Reckwitz. Der Sozialwissenschaftler spricht von vier Klassen, die sich unterscheiden in Stellung, Macht und Bedeutung.

Der Soziologe unterscheidet dabei wie folgt: Es gäbe eine kleine Oberschicht, darunter zwei Mittelschichten und eine Unterschicht. Bis in die 1970er Jahre hinein habe es nur eine Mittelschicht gegeben. Diese sei eine im Prinzip homogene Gruppe gewesen, die den Großteil der Bevölkerung ausmachte.

Aufstieg einer neuen Mittelschicht

Dann sei der Wechsel von der Industrie- hin zur Dienstleistungsgesellschaft erfolgt, unter anderem begleitet von einer gewaltigen Bildungsexpansion. Die Gewinner und Gewinnerinnen seien die Hochschulabsolventen und -absolventinnen gewesen, die heute in Forschung und Entwicklung, in den Medien und Kreativberufen oder in Bereichen wie Medizin, Finanzen und Recht tätig sind. Sie alle wohnen in der Regel in größeren Städten und bildeten die neue Mittelschicht.

"Erstrebenswert scheint es den Individuen nun, nach den persönlichen Bedürfnissen zu leben und die Wünsche des Lebens zu entfalten."
Andreas Reckwitz, Soziologe

Die alte Mittelschicht hingegen lebe vor allem auf dem Land, habe Vorbehalte gegen die Globalisierung und verliere zunehmend an Prestige, so Andreas Reckwitz in seiner Analyse. Diese alte Mittelschicht sei hervorgegangen aus den Industriearbeitern, für die lokale Wurzeln, Disziplin und Fleiß noch immer hohe Werte darstellten.

"Sich-Durchwursteln" in prekären Verhältnissen

Die Angehörigen der Unterschicht konnten bis Ende des vergangenen Jahrhunderts einigermaßen von dem leben, was sie als Geringqualifizierte durch harte körperliche Arbeit leisteten, so der Soziologe. Und heute? Andreas Reckwitz spricht von einem "Sich-Durchwursteln". Langfristige Planungen seien in dieser prekären Klasse nicht denkbar – wenn jemand dem Alltag Stand halte, sei das eine große Leistung.

Andreas Reckwitz ist Sozial- und Kulturwissenschaftler an der Berliner Humboldt-Universität. Bekannt wurde er auch durch seine populären Bücher zu soziologischen Fragestellungen, wie zum Beispiel "Die Gesellschaft der Singularitäten". Gesprochen hat er auf der Konferenz "Great Transfomation" am 25. September 2019 an der Universität Jena. Sein Thema: "Klasse als Schicksal?".