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Die Rote Liste wird länger. Das Artensterben ist in vollem Gange. Immer mehr Tiere und Insekten verschwinden vollständig von diesem Planeten. Es ist zu trocken. Es ist zu warm. Wer das jetzt noch ignoriert, sollte sich fragen, mit welcher Selbstverständlichkeit er oder sie sich noch auf der Erde bewegt – oder das Romandebüt "Zugvögel" der australischen Schriftstellerin Charlotte McConaghy lesen.

"Franny? Was zum Geier machst du da, Franny?" Das ist Lea, weit über ihr, die da nach ihr ruft. Franny ist noch nicht ganz wach. Aber sie begreift jetzt, wo sie ist. Sie hängt an einer Strickleiter, seitlich am Rumpf der Saghani, zehn Zentimeter über dem dunklen, brüllenden Meer.

Es ist eiskalt. Auch wenn Franny Kälte gewöhnt ist, und auch wenn sie jetzt an keinem anderen Ort lieber wäre, als unten am Grund dieses Ozeans, muss sie sehr aufpassen. Sich festhalten. Ihr Körper ist schon ganz steif. Gleichzeitig fühlt sie sich lebendig. Zum ersten Mal seit Jahren.

Franny will die Menschheit retten

Von Franny erzählt das Romandebüt der Australierin Charlotte McConaghy. Sie ist fast fünfunddreißig Jahre alt und gemeinsam mit einer kleinen Crew von Seeleuten unterwegs in die Antarktis auf einem schwarzen, dreißig Meter langen Fischerboot.

Sie hatte nur eine Nacht in einer Hafenkneipe, um den schweigsamen Fischer Ennis zu überreden, sie mitzunehmen und seinen Kurs zu ändern - um drei roten Punkten folgte, die in der Software auf ihrem Notebook blinkten. Jeder Punkt gehört zu einem Peilsender. Und jeder Peilsender gehört zu einer Küstenseeschwalbe, einer letzten ihrer Art.

"Hatte ihre Mutter ihr nicht eingeschärft, auf die Hinweise zu achten? Hinweise worauf?, hatte Franny jedesmal gefragt. Und die Antwort der Mutter war stets dieselbe gewesen: Auf das Leben."
Deutschlandfunk-Nova-Rezensentin Lydia Herms über die Protagonistin Franny

Franny hat die drei Vögel beringt, und auch wenn sie weiß, dass es pathetisch klingt, glaubt sie an die Möglichkeit, dass diese drei roten Punkte drei von wenigen letzten Chancen für die Menschheit sind, zu überleben. Denn da wo die Schwalben hinfliegen, da ist noch Leben, in der Luft, im Meer.

Die Menschheit hat es verkackt. Milde ausgedrückt. Es gibt kaum noch wild lebende Tiere auf der Erde. Keine Bären. Keine Wölfe. Keine Füchse. Keine Murmeltiere. Keine Wildkatzen. Keine Elefanten. Keine Singvögel. Alle ausgestorben. Sogar die Krähen. Krähen!

Dystopie einer Welt mit ungebremstem Klimawandel

Trotz jahrelanger Warnungen nahm man die Erwärmung der Erde nicht ernst. In künstlich angelegten Reservaten versuchen Wissenschaftler*innen, Insekten und Fledermäuse zu züchten, wegen der dringend benötigten Bestäubung der Pflanzen. Franny hält nichts davon, Tiere einzusperren. Sie will sie beobachten, in Freiheit. Und Ennis versteht das.

Welches Abenteuer Franny und die Crew auf dem Fischerboot erleben, wo lang es sie führt, ob es so endet, wie sich Franny das vorstellt und warum sie das alles überhaupt macht, das erfahrt ihr in einem der vielleicht gleichzeitig schrecklichsten und schönsten Romane, der 2020 erschienen ist.

Cover des Buches "Zugvögel" von Charlotte McConaghy vor dem Hintergrund eines Fotos von Zugvögeln am Abedhimmel
© Cover: S. Fischer | Hintergrund: IMAGO / Shotshop

Das Buch: "Zugvögel" (Originaltitel: "Migrations") von Charlotte McConaghy | S. Fischer Verlag | 395 Seiten | gebundene Ausgabe (Hardcover): 22 Euro, E-Book: 18,99 Euro, Taschenbuch: 12 Euro | auch als Hörbuch, gelesen von Eva Meckbach | erschienen am 26. August 2020