Paula hat seit Jahren keinen Kontakt mehr zu ihren Eltern. Eine schlechte Tochter ist sie deswegen noch lange nicht. Im Gegenteil: Es war ein langer und schmerzhafter Prozess, bis Paula sich von Mutter und Vater lossagen konnte. Doch seitdem sie das getan hat, geht es ihr besser. 

Ich bin Paula. Und ich bin 33 Jahre alt und ich habe seit vier Jahren keinen Kontakt mehr zu meiner Mutter. Also gar keinen Kontakt. Ich hab ihre Nummer gelöscht und blockiert, so dass sie mich nicht anrufen kann und ich hab sie bei Facebook geblockt. 

Genauso mit meinem Vater. Den habe ich seit 16 Jahren nicht mehr gesehen. Auch da gibt es keinen Kontakt. Und so - komplett ohne meine Eltern - geht’s mir gut. Besser als je zuvor. 

Wenn die Eltern ständig streiten

Ich hatte früher oft diesen einen Traum, der sich auch wiederholte, als ich älter wurde. Ich hörte meine Eltern flüstern. Es war dunkel, ich konnte sie nur hören. Plötzlich Schreie, die mich in Mark und Bein erschütterten, die mich aufschreckten. Als ich älter wurde, habe ich verstanden, dass es kein Traum war, sondern meine Eltern, die stritten, während ich schlief. 

Am besten erinnere ich mich an einen Streit, der damit endete, dass ich im dunklen Treppenhaus alleine stand und weinte. Zwischen meinen Eltern waren wieder mal die Fetzen geflogen und die flogen wirklich, weil mein Vater gegen meine Mutter handgreiflich wurde. Irgendwann nahm sie ihre Jacke, zog ihre Schuhe an und knallte die Tür hinter sich zu. 

"Warum hatte sie mich nicht mitgenommen? Hatte sie mich nicht lieb? Und was würde aus mir werden, hier, im dunklen Treppenhaus?"
Paula Deme über ihre Mutter

Mein Vater zog mich wütend an und sagte dabei: "Du bist schuld! Hätte es dich nicht gegeben, würde es uns heute besser gehen." Dann stellte er mich einfach vor die Haustür. Ich war höchstens vier Jahre alt, meine zwei Geschwister noch nicht auf der Welt. Da stand ich nun. Ich traute mich nicht runter zu laufen, da meine Mutter schon weg war. 

Warum hatte sie mich nicht mitgenommen? Hatte sie mich nicht lieb? Und was würde aus mir werden, hier, im dunklen Treppenhaus? Meine Großeltern wohnten circa 20 Minuten weiter weg von uns. Ich weiß nicht sicher, wie lange ich schluchzend im Treppenhaus stand, bis mich mein Opa abholte. Ich weiß nur, dass ich unglaublich erleichtert war, ihn zu sehen. 

Beide Eltern kommen aus schwierigen Familienverhältnissen

Als ich 1984 in Rumänien geboren wurde, war meine Mutter 20 Jahre alt, mein Vater 23. Sie kannten sich seit Kindertagen, waren aber kein Paar, als ich gezeugt wurde. Auf Druck der Familie wurden sie schließlich mehr oder minder zwangsverheiratet. Denn niemand in der streng christlich-orthodoxen Familie wollte ein uneheliches Kind haben, ein "Bastard-Kind".  

Meine Eltern stammen beide aus desaströsen Familienverhältnissen. Mein Vater ist das Ergebnis einer Affäre, genauso wie meine Mutter, die ihren leiblichen Vater nie kennengelernt hat. Deswegen legten beide ihrer Familien so viel Wert drauf, dass meine Eltern heiraten. Vielleicht haben meine Großeltern gedacht, mir würde dadurch ein ähnliches Schicksal erspart bleiben und ich könnte mit beiden Elternteilen aufwachsen. Aber was bringt es einem Kind mit beiden Elternteilen aufzuwachsen, wenn diese sich bis aufs Messer streiten? 

Trotzdem bekamen meine Eltern zwei weitere Kinder - meine beiden Brüder. Kurz hintereinander kamen sie auf die Welt - 1988 und 1989 war das. Mein anderer Opa lebte damals in Deutschland und versprach uns, dass wir auch bald zu ihm nach Deutschland kommen könnten. Rumänien war damals noch eine Diktatur, Nikolai Ceausescu regierte das Land seit vielen Jahren mit harter Hand. Die Bürger durften Rumänien nicht verlassen - ähnlich wie damals in der DDR. Und auch wir durften erst raus, nachdem Ceausescu im Dezember 1989 hingerichtet wurde. 

Unser erster Halt in Deutschland war Saarbrücken, wo mein Opa und auch mein Onkel lebten. Dort waren wir eine Zeit lang in einem sogenannten Übergangslager einquartiert, bis unsere Papiere durch waren. Ein Zimmer für fünf Personen. Der Frust wurde von Tag zu Tag größer. Meine Eltern haben sich fast jeden Tag krass gestritten. Unter diesen Umständen wurde ich eingeschult. Ich wurde in der Schule gemobbt, weil ich im Lager wohnte, hatte ständig Angst. Zuhause Gewalt, in der Schule Gewalt. Die Lehrer waren total überfordert. Und meine Eltern wollten auch noch, dass ich gute Noten liefere. Mein Jahreszeugnis aus der zweiten Klasse war voller Vieren.

"Der Handabdruck meines Vaters auf meinem Gesicht war nicht zu übersehen."
Paula Deme über die Gewalt ihres Vaters

Ich war ein sehr dickköpfiges, stures Kind. Wenn ich etwas nicht wollte, dann wollte ich es nicht. Wenn es zum Beispiel eine Suppe gab, die ich nicht mochte, zwang meine Mutter mich, stundenlang in der Küche zu verweilen: "Du bleibst so lange sitzen, bis du die Suppe aufgegessen hast!“ Und so saß ich manchmal noch abends da, ohne die Suppe gegessen zu haben. 

Damals musste ich auch immer gleichzeitig mit meinen Brüdern ins Bett gehen, obwohl ich vier und fünf Jahre älter war. Ich war aber gar nicht müde. Einmal, das weiß ich noch, habe ich meinem Vater gesagt: "Ich bin nicht müde." Da kam die erste Ohrfeige. Er fragte dann nochmal, ob ich müde sei, ich sagte erneut nein. Noch eine Ohrfeige. So ging das ein paar Mal. Ein erwachsener Mann, der seine große Hand in das Gesicht eines neunjährigen Mädchens schlägt, weil es die falsche Antwort gibt. Es war ein Machtspiel. Irgendwann ging meine Mutter dazwischen. Und ich weinte fürchterlich, als sie aus dem Zimmer ging. Meine Brüder trauten sich nicht sich zu bewegen. Sie waren ja noch so klein und mussten schon solche Szenen mit ansehen. Am nächsten Tag ging ich in die Schule. Der Handabdruck meines Vaters auf meinem Gesicht war nicht zu übersehen. Eine Betreuerin im Hort fragte zwar kurz, was passiert sei, ich sagte ihr aber, ich sei hingefallen. Damit war der Fall erledigt. 

Die Mutter haut nach Rumänien ab

Als ich neun Jahre alt war, ist meine Mutter mit meinen beiden Brüdern nach Rumänien abgehauen. Wahrscheinlich nach einem krassen Streit oder aus Überforderung. Ich hatte keine Möglichkeit, sie zu kontaktieren. Sie hat mich alleine gelassen mit meinem Vater, der Alkoholiker war. Damals lebten wir schon in Augsburg. Und obwohl mein Vater viel mit mir unternahm, wie Fahrrad fahren oder schwimmen, gab es Situationen, in denen er mich nachts allein ließ, um saufen zu gehen. Manchmal war ich ganz starr vor Angst. Und ich fragte mich, was aus mir werden würde, wenn ihm etwas zustößt und er nicht zurückkommt. 

Nach ein paar Wochen ohne meine Mutter war es meinem Vater zu viel. Er ist mit mir nach Rumänien gereist, um meine Mutter zu holen. Sie haben uns Kindern dann versprochen, es in Deutschland noch einmal zu versuchen. Sie würden sich zusammenreißen, es würde alles besser werden. 

"Meine Eltern hatten einen neuen Plan: Sie wollten für uns alle endlich eine annehmbare, neue Existenz in Deutschland aufbauen, und brauchten dafür ein paar Monaten Zeit - ohne uns Kinder."
Paula Deme

Zurück in Augsburg stritten sie weiter. Mein Vater trank sehr viel, meine Mutter arbeitete als Putzfrau und wir schlugen uns so durch. Ein paar Monate später tauchte meine Mutter plötzlich während des Unterrichtes bei mir in der Schule auf, zog mich im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Klassenzimmer raus. Selbst mein Schulranzen blieb da, so eilig hatte sie es. Und dann saßen wir in einem Bus - Richtung Rumänien. 

Meine Eltern hatten eine neuen Plan: Sie wollten für uns alle endlich eine annehmbare, neue Existenz in Deutschland aufbauen, und brauchten dafür ein paar Monaten Zeit - ohne uns Kinder. Deshalb brachten sie meine Brüder und mich nach Rumänien. Meine Geschwister kamen zu meiner Oma. Ich kam zu meinen Pateneltern, die in der gleichen Stadt wohnten. Und ich kam in eine deutsch-rumänische Schule. 

Wir Kinder hatten keine Ahnung, wie lange wir dort bleiben sollten. Doch für mich war der Aufenthalt bei meinen Pateneltern ein Segen. Denn zu dieser Zeit hatte ich mich total in mich zurückgezogen. Niemand konnte mit mir sprechen, ohne dass ich in Tränen ausgebrochen bin. Ich war ein verstörtes Mädchen.

"Für mich war der Aufenthalt bei meinen Pateneltern ein Segen."
Ein Jahr lang lebte Paula bei ihren Pateneltern in Rumänien

Bei meinen Pateneltern war ich behütet, es gab keinen Streit, keine Gewalt, stattdessen Spaziergänge zum Markt am Wochenende, Marmelade kochen, rumänische Gedichte auswendig lernen. Ich bekam Liebe, Zuwendung und hatte endlich einen Schutzraum. Im Sommer bauten mir meine Paten den Balkon zu einem Zelt um. Dort nähte ich Puppenkleider oder las Bücher. Ab und an naschte ich auch von den Weintrauben, die rundherum wuchsen. Ich wurde gut in der Schule und bekam nur noch Einsen und Zweien in allen Fächern. Hier hatte ich endlich Ruhe, um meinen Wissensdurst zu stillen. Ab und an kam ein Paket von meiner Mutter mit Kleidung, Süßigkeiten und Geld. 

Doch eines Tages, kam sie unangemeldet zurück - eine Mutter. Ungefähr ein Jahr nachdem sie mich bei meinen Paten abgeliefert hatte. Ich kann mich noch genau an den Moment erinnern: Ich lief auf sie zu, hatte Tränen in den Augen - vor Freude sie zu sehen. Sie umarmte mich nur kurz und sagte, ich solle doch weiter spielen gehen, sie müsse was mit meiner Patin besprechen. Mir ging nur eine Frage durch den Kopf: Hatte sie mich denn gar nicht vermisst? 

Ein paar Tage später war ich wieder unterwegs - zurück nach Deutschland. Da war ich elf Jahre alt. Ich wollte nicht, so gar nicht. Meine Eltern rissen mich aus dieser heilen Welt heraus, in der es mir so gut ging, weil sie meinten, dass es in Deutschland endlich gut lief. Sie hätten Arbeit gefunden und eine 2-Zimmer-Wohnung in der Nähe von Nürnberg. 

Zurück in Deutschland gehen die Streitereien wieder los

In den kommenden zwei Jahren wurde die Situation mit meinen Eltern so schlimm wie nie zuvor. Meine Mutter missbrauchte mich als Schutzschild gegen meinen Vater, der nur noch getrunken hat. Es war die Hölle. In der Schule gingen meine Noten wieder in den Keller, ich wäre fast sitzengeblieben. Meine Mutter sagte mir immer wieder, dass meine schlechten Noten davon kämen, dass ich faul sei und nichts lernen würde. Im Nachhinein frage ich mich, wie ich in einer 2-Zimmer-Wohnung hätte lernen sollen? Mit vier weiteren Familienmitgliedern, in einer Umgebung voller Hass, in der ständig hässliche Worte und Fäuste flogen. 

"Regelmäßig torkelte mein Vater betrunken im Park in der Nähe meiner Schule umher, manchmal auch richtig klischeehaft mit einer Flasche Alk in der Hand."
Paula Deme über ihren Vater

Dann ließen sich meine Eltern scheiden. Da war ich 13. Mein Vater zog aus. Regelmäßig torkelte er betrunken im Park in der Nähe meiner Schule umher, manchmal auch richtig klischeehaft mit einer Flasche Alk in der Hand. Freunde und Mitschüler wiesen mich auf ihn hin. Es war mir unglaublich peinlich. Ich wäre am liebsten im Erdboden verschwunden. 

Irgendwann war ich in der Pubertät, so 15 oder 16 Jahre alt, und mittlerweile genauso groß wie meine Mutter. Und ich hatte angefangen, mich gegen sie zu wehren. Als sie handgreiflich wurde, schlug ich zurück. Mit aller Kraft. Ich schrie ihr meine Wut ins Gesicht, so laut, dass mich eigentlich die Nachbarn hätten hören müssen. Aber niemand reagierte. Meine Mutter tobte wild zurück, warf mich aus der Wohnung raus und ließ mich stundenlang nicht wieder rein. Nur eine ältere Nachbarin ließ mich manchmal zu sich rein, damit ich nicht im Treppenhaus stehen musste.

Paula zieht aus

Mit meinen Geschwistern ging meine Mutter nicht so um wie mit mir. Ich war die älteste, ich musste immer für alles herhalten. Und meine Mutter fing immer öfter an, aus dem Nichts auszuflippen. Zum Beispiel wenn ich mal ein paar Minuten zu spät nach Hause kam, weil die Bahn Verspätung hatte. Irgendwann kam das Jugendamt dazu, ich hatte es selber kontaktiert. Sie schickten einmal die Woche eine Sozialpädagogin vorbei. Doch das nützte alles nichts. 

Mit 17 kam ich ins betreute Wohnen, meine erste eigene Wohnung. Als ich bei meiner Mutter ausziehen wollte, musste die Polizei mir helfen meine Sachen abzuholen, da meine Mutter mich nicht reinlassen wollte. 

"Dann: Heiligabend. Ich wartete. Und wartete. Mein Vater kam aber nicht. Ich ging zum Schluss zu seiner Wohnung. Er machte auf und war betrunken."
Paula Deme will Weihnachten mit ihrem Vater feiern

Im ersten Jahr in meiner neuen Wohnung habe ich entschieden, Weihnachten mit meinem Vater zu feiern. Es war mein erstes Weihnachten außerhalb der Familie. Ich hatte Mitleid mit meinem Vater, aber auch Mitleid mit mir selbst, weil ich alleine war. Und ich dachte: Wir könnten zusammenhalten. Er sollte zum Abendessen vorbeikommen. Ich kaufte ein und sagte anderen Freunden ab. Und ein wenig freute ich mich auch, auf ein bisschen Normalität mit meinem Vater.

Dann: Heiligabend. Ich wartete. Und wartete. Mein Vater kam aber nicht. Ich ging zum Schluss zu seiner Wohnung. Er machte auf und war betrunken. Ich war enttäuscht. Aber was hatte ich auch erwartet? Danach sah ich meinen Vater noch zwei Mal. Das ist nun 16 Jahre her. Mein mittlerer Bruder hat mir kürzlich seine Nummer gegeben. Ich habe aber nicht angerufen. Ich wüsste nicht, was ich ihm sagen soll. 

Mit 18 habe ich in Nürnberg eine erste Ausbildung zur Fußpflegerin gemacht. Und danach noch eine zur Erzieherin. 2007 bin ich in die Schweiz gezogen. Mit meiner Mutter nahm ich irgendwann wieder Kontakt auf. Sie hatte einen neuen Freund, ab und zu habe ich sie zu Hause besucht.  

Eines Tages hatten meine Mutter und ihr Freund Streit. Sie hat mich gebeten, ihn anzurufen, damit er zu ihr kommt, um mit ihr zu reden. Klar, warum nicht, dachte ich und rief ihn an, um zu vermitteln. Man muss dazu sagen, dass ich beim Telefonieren immer herumlaufe oder Sachen erledige. Ich bin kein Mensch, der dabei still sitzen kann. 

Als ich mit dem Freund meiner Mutter telefoniert hatte, kam ich zurück in die Küche. Ich sagte ihr, er würde nun vorbeikommen. Sie schaute mich wutentbrannt an und unterstellte mir, ich hätte vor, ihr was zu verheimlichen und wäre deswegen aus der Küche rausgelaufen, wo wir vorher noch gesessen hatten. 

Sie war der festen Überzeugung, ich würde ihr den Freund ausspannen wollen. Wir müssten ihr ja was verheimlichen, warum würde er sonst bei mir ans Telefon gehen und bei ihr nicht? Ich sollte also schlichten und durfte mir dann anhören, ich wolle ihr den Freund wegnehmen, der 30 Jahre älter ist als ich. Diese Unterstellung war so absurd, so unvorstellbar für mich, dass ich noch am selben Tag in die Schweiz zurückgefahren bin. 

"Ich konnte nicht mehr. Und für mich war klar: Das war's. Ich wusste, diese Beziehung macht mich und mein Leben kaputt."
Paula Deme über die Beziehung zu ihrer Mutter

Danach war Funkstille, bis ich sie zwei Jahre später zum Geburtstag und an Weihnachten besucht habe. Meine Mutter und ich wollten einen Kuchen backen. Wie normale Leute. Sie las das Rezept vor, ich führte aus. Wir waren an dem Punkt, wo es um die Eier ging. Ich fragte sie: "Sollen die Eier getrennt werden oder kommen die ganz rein?" "Ganz rein!", sagte sie. Gesagt getan. Wenige Sekunden später große Aufregung. Sie brüllte: "Die sollten doch getrennt werden, nie kannst du was richtig machen!" Ich versuchte die Situation zu entschärfen, es sei doch nur ein Teig, wir machen einen neuen, alles easy. Aber es ging nicht, sie kam voll in Fahrt, Vorwürfe und Mist der letzten Jahrzehnte flogen mir nur so um die Ohren: Ich sei ja immer schon zu nichts zu gebrauchen gewesen und überhaupt. Wie ein Dampfkochtopf, der kurz vor dem Explodieren ist, stand sie vor mir und schrie mich an. Ich schrie irgendwann zurück, packte meine Sachen und ging, ungläubig, dass sie wegen zwei Eiern so ausrastet.

Nach diesem Vorfall lag ich eineinhalb Wochen in meinem Bett, unfähig mich zu bewegen. Ich konnte nicht mehr. Und für mich war klar: Das war's. Ich wusste, diese Beziehung macht mich und mein Leben kaputt. Ich wusste, das muss ein Ende haben.

Das letzte Treffen ist vier Jahre her

Das letzte Mal habe ich meine Mutter vor vier Jahren gesehen. Zu einem kurzen Mittagessen. Seitdem gibt es keinen Kontakt mehr. Sie versuchte noch ein paar Mal mich zu erreichen, indem sie meine Gedichte auf Facebook kommentierte, als sei nichts gewesen. Manchmal sagte sie mir auch, es sei wichtig, dass ich sie zurückrufe. Ich tat es aber nie. Ich habe sie überall gesperrt, ihre Nummern gelöscht: Ich habe keinen Bedarf das zu ändern. 

Ich fing dann eine Therapie an. Seit dem Kontaktabbruch bin ich stabiler, habe keine depressiven Schübe mehr. Ich habe nicht mehr das Gefühl, nicht gut genug zu sein. Es geht mir einfach so viel besser. Ich habe tolle Menschen in der Schweiz gefunden, Freunde, die meine Ersatzfamilie geworden sind.

"Niemand bricht einfach so den Kontakt mit den eigenen Eltern ab. Und wenn das passiert: Dann gibt es dafür einen sehr triftigen Grund. Denn Kinder wollen nichts lieber, als von ihren Eltern gesehen und geliebt werden."
Paula Deme

Meinen Eltern habe ich vergeben – für meinen eigenen Seelenfrieden. Nicht, dass ich vergessen habe, was passiert ist. Ich habe nur verstanden, dass auch sie Opfer ihrer Erziehung sind und es nicht besser wussten. Nicht besser konnten. Und ich habe verstanden, dass nicht jeder dafür geeignet ist, Mutter oder Vater zu werden. 

Bis heute kommt es vor, dass Leute skeptisch reagieren, wenn sie erfahren, dass ich nichts mehr mit meinen Eltern zu tun haben will. Weil es immer noch ein großes Tabu ist, wenn Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen. Weil Kinder, die sich das trauen, argwöhnisch betrachtet und verurteilt werden. So nach dem Motto: "Da musst du doch drüber stehen, es sind immerhin deine Eltern!" Ja, genau. Meine Eltern, die mich beschützen und lieben und nicht misshandeln sollten. Ich möchte Leute für dieses Thema sensibilisieren. Ich möchte, dass darüber gesprochen wird - ohne Scham. 

Denn ich bin mir sicher: Niemand bricht einfach so den Kontakt mit den eigenen Eltern ab. Und wenn das passiert: Dann gibt es dafür einen sehr triftigen Grund. Denn Kinder wollen nichts lieber, als von ihren Eltern gesehen und geliebt werden. 

Auf ihrem Blog Was man so nicht sagen darf schreibt Paula Deme über sich selbst und die Themen, die sie bewegen. Manchmal geht es in ihren Texten auch um ihre Eltern und ihre Entscheidung, den Kontakt zu ihnen abzubrechen. Zudem schreibt Paula auch an einem Buch über ihre Kindheit und die Konsequenzen daraus. Denn ihr ist es wichtig, dass andere Menschen merken, wenn sie eine ähnliche Erfahrung gemacht haben, dass sie nicht allein sind. Und sie möchte, dass wir alle besser verstehen, warum manche Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen.

Hinweis: Kinder und Jugendliche, die Probleme mit ihren Eltern haben, finden anonym und kostenlos Hilfe bei der Nummer gegen Kummer: 16111, oder bei der Telefonseelsorge: 0800-1110111 und 0800-1110222. Eltern können sich hier melden: 0800-1110550. Die Gespräche sind anonym und vertraulich. Hilfe gibt es auch Online: 

Telefonseelsorge.de

Nummer gegen Kummer