Im Herbst wird in Sachsen-Anhalt gewählt. In Umfragen führt die AfD mit Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Laut Wahlprogramm plant sie einen radikalen politischen und gesellschaftlichen Umbruch. Was hat die Partei vor? Und wer stellt sich ihr entgegen?
Im September steht die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt an. Derzeit steht die AfD bei rund 38 Prozent in den Umfragen. Die in Sachsen-Anhalt als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei macht jetzt schon deutlich, welche weitreichenden Veränderungen sie vornehmen möchte, falls sie in die Regierungsverantwortung kommt. Am Wochenende (11. und 12.04.2026) will die AfD auf ihrem Landesparteitag in Magdeburg ihr Wahlprogramm verabschieden.
Drei Viertel der Menschen mit Migrationshintergrund würden wegziehen
Für viele Menschen in Sachsen-Anhalt sind die hohen Umfragewerte besorgniserregend. In einer Umfrage von Minor, die bisher noch nicht veröffentlicht wurde, gaben 75 Prozent der Menschen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt an, dass sie wegziehen würden, falls die AfD die Wahl gewinnt, sagt Mamad Mohamad. Er ist der Geschäftsführer des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt (Lamsa e.V.).
Rund 140.000 Menschen wären das, sagt er. Für ihn und seine Kollegen ist diese Zahl erschreckend hoch. Außerdem gaben rund 66 Prozent der Befragten an, dass sie sehr viele Diskriminierungserfahrungen im Alltag machen, sagt Mamad Mohamad mit Bezug auf die bisher unveröffentlichte Umfrage von Minor.
"Man wird jeden Tag damit konfrontiert. Die Menschen, die die AfD wählen, sagen: 'Ich wähle AfD, dann bist du endlich weg.'"
Auch Mamad Mohamad macht sich Sorgen und fragt sich, ob er einen Plan B benötigt, falls die AfD die Landesregierung übernehmen sollte. Er lebt seit 30 Jahren in Deutschland.
Im Oktober 1996 ist er als Geflüchteter aus Syrien nach Deutschland gekommen. Eine schwierige Zeit für ihn, weil seine Familie weit weg und er damit auf sich alleine gestellt war. Er musste sich ein komplett neues Leben aufbauen. Zunächst machte er eine Ausbildung, studierte dann und gründete später eine Familie.
"In mir pochen zwei Herzen: Zum einen denke ich: 'Wer weiß, ob es hier weiterhin lebenswert ist, mit einer rassistischen und menschenfeindlichen Landesregierung. Andererseits: 'Wir müssen kämpfen.'"
Er ist damals in Nürnberg angekommen und dann nach Halle in Sachsen-Anhalt umgezogen und dortgeblieben. Schon vor 30 Jahren haben ihn Bekannte und Freunde gefragt, warum er im Osten Deutschlands lebe und ihn davor gewarnt, dass es aufgrund von rassistischen Übergriffen gefährlich sei.
Mamad Mohamad: Der Hass ist nicht nur digital, sondern real
Heute arbeitet Mamad Mohamad als Geschäftsführer beim Landesnetzwerk Migrantenorganisationen in Sachsen-Anhalt, kurz Lamsa genannt. Das ist ein Dachverband von Organisationen, die sich für die Interessen von Menschen mit Migrationsgeschichte einsetzen. Außerdem kandidiert er im September für die Grünen für den Landtag.
Ihm fällt auf, dass Hass und Hetze immer in Alltagsrassismus ersichtlich waren, dass sie aber nun viel öffentlicher gezeigt und geäußert werden: im Netz, in der Schule, auf der Arbeit – überall im öffentlichen Raum. Was ihn dabei besonders beunruhigt, ist, dass Hass-Kommentare in den sozialen Netzwerken von Menschen geäußert werden, mit denen er möglicherweise Tür an Tür lebt oder denen er möglicherweise im Supermarkt begegnet. Menschen also, mit denen er den Alltag teilt.
"Was die Menschen in den sozialen Netzwerken schreiben, macht deutlich, dass ihr Hass nicht nur digital ist. Ihr Hass ist real."
Mit großem Abstand folgt in den Umfragen auf die AfD (38 Prozent) die CDU mit 25 Prozent Die Linke kommt aktuell auf 13 Prozent. Andere Parteien sind noch weiter abgeschlagen. Bei der SPD, dem BSW, den Grünen und der FDP scheint es aktuell nicht sicher zu sein, ob sie die Fünf-Prozent-Hürde und den Einzug in den Landtag schaffen werden.
Und wenn es einigen Parteien nicht gelänge, in den Landtag reinzukommen, bräuchte die AfD – je nach Szenario – möglicherweise nur um die 40 Prozent der Stimmen für eine absolute Mehrheit. Dann könnte die gesichert rechtsextreme Partei alleine regieren.
AfD will Sachsen-Anhalt eine tiefgreifende politische Wende
Neu ist bei dieser Landtagswahl, dass die AfD die Chance sieht, das Land tatsächlich regieren zu können und möglicherweise auch alleine regieren zu können. Deshalb würden Landesvorsitzende wie Martin Reichert große Ankündigungen machen, die besagen, dass das Bundesland politisch und gesellschaftlich massiv umgestaltet werden solle, sagt Nadine Lindner, unsere Korrespondentin im Hauptstadtstudio.
"Der Landesvorsitzende Martin Reichert verspricht eine tiefgreifende politische Wende."
Es gibt einige Faktoren, von denen die AfD in Sachsen-Anhalt gerade profitiert, sagt Nadine Lindner. Sie habe sich in den letzten Jahren eine Stammwählerschaft aufbauen können, der alles egal sei: Extremismusvorwürfe, Skandale wegen Vetternwirtschaft. Man habe das auch in Baden-Württemberg und in Rheinland-Pfalz beobachten können, sagt unsere Korrespondentin im Hauptstadtstudio.
Bundesweit liege die AfD zurzeit bei 25 bis 26 Prozent und konkurriere damit um Platz eins mit der CDU. Die letzte Umfrage zum Deutschlandtrend habe ergeben, dass nur 15 Prozent mit der derzeitigen Bundesregierung zufrieden seien. Der Frust mit Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sei groß und werde durch die Entwicklungen, die der Irankrieg verursacht habe, beispielsweise das Ansteigen der Spritpreise verstärkt.
Die Unzufriedenheit, die sich bundesweit zeige, sei in Sachsen-Anhalt sicherlich in ähnlichem Maße vorhanden, schätzt Nadine Lindner. Viele seien wohl der Meinung, dass die Bundesregierung im Bezug auf den Irankrieg und dessen Folgen nicht genug unternehme, sagt Nadine Lindner. Zudem gelinge es der AfD recht gut, junge Wähler*innen in den sozialen Medien anzusprechen und zu erreichen.
"Da sieht man schon bundesweit, was in Sachsen-Anhalt noch einmal stärker rauskommt: einfach diesen Aufschwung, den die Partei im Moment hat."
Das Ziel, das die AfD verfolge, ist, disruptiv zu agieren, das heißt die Gesellschaft in vielen Punkten umzubauen, sagt Nadine Lindner. Dazu zählt auch, bestimmte Institutionen, die ein gesellschaftliches Leben ausmachen, entweder abzuschaffen oder deutlich zu schwächen. Den Spitzenkandidaten der AfD, Ulrich Siegmund, sieht sie als mediales Aushängeschild, der eine gute Medienpräsenz habe.
Den 35-jährigen Co-Fraktionsvorsitzende, der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt werden möchte, sieht sie nicht so sehr, als denjenigen, der an der politischen Strategie der Partei mitarbeite, sondern eher als medienwirksamen Frontrunner. Nadine Lindner vermutet eine Art Arbeitsteilung in der Partei: Während Ulrich Siegmund der Wählerschaft die Inhalte verkaufe, würden andere, wie zum Beispiel Hans Thomas Tillschneider, das "ziemlich radikale Regierungsprogramm zusammenschreiben."
Migrantische Interessenvertretungen wie Lamsa hätten keine Mittel mehr
Für Mamad Mohamad ist jetzt schon klar, dass er seine Arbeit beim Netzwerk Lamsa nicht weiterführen könnte, wenn die AfD die Landtagswahl gewinnen würde. Er geht davon aus, dass über Nacht die finanziellen Mittel gestrichen werden würden und er 50 Prozent der Mitarbeitenden nach Hause schicken müssten. Fatal auch für die Menschen, die eine migrantische Interessenvertretung brauchen, um Hilfe für ihren Alltag zu bekommen.
"Diese Stimme der Interessenvertretung würde leiser werden und das müssen wir verhindern."
Mamad Mohamad stellt sich für die Grünen zur Wahl bei der Landtagswahl. Außer ihm gibt es noch zwei Personen, die für die SPD kandidieren und zwei Personen, die für die Linke ins Rennen gehen. Es sei sehr bitter, sagt Mamad Mohamd, denn 2024 hätten 18 Personen mit Migrationsgeschichte in Sachsen-Anhalt kandidiert und nur eine einzige Person sei gewählt worden. Nicht nur, dass sie nicht gewählt würden, viele seien bedroht und beschimpft worden, sagt er.
Aber unter den aktuellen Umständen gibt es für ihn keine andere Wahl, als aktiv zu werden und sich für die Grünen aufstellen zu lassen. Er will sich nicht nur selbst politisch engagieren, sondern auch möglichst viele Menschen, die wählen dürfen, motivieren, ihre Stimme abzugeben.
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