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Bildung kann Kinder stark machen, sie fördern, unterstützen und voranbringen – unabhängig von ihren Lebensumständen. Doch das gelingt uns ins Deutschland noch immer schlecht. Und die Pandemie hat die mangelnde Bildungsgerechtigkeit zusätzlich verschlimmert. Ein Vortrag der Erziehungswissenschaftlerin Havva Engin.

Welche Auswirkungen haben Schulschließungen und Wechselunterricht auf die Lernerfolge von Schülerinnen und Schülern in Deutschland? Im Hörsaal stellt Havva Engin erste aktuelle Studien dazu vor.

Pandemie hat Ungleichheit in der Bildung weiter verschärft

Dabei geht die Erziehungswissenschaftlerin besonders der Frage nach, wie sich das Distanzlernen in der Pandemie auf Schülerinnen und Schüler auswirkt, die arm sind, einen Migrationshintergrund haben oder wenig schulische Unterstützung von ihren Eltern erhalten.

"Die Lage derer, die bereits vor der Pandemie in prekären Lebensverhältnissen gelebt haben, hat sich verschärft."
Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin

Havva Engin ist Professorin am Institut für Erziehungswissenschaften an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg und Leiterin des Heidelberger Zentrums für Migrationsforschung und Transkulturelle Pädagogik.
Noch immer korrelieren in Deutschland sozioökonomischer Hintergrund und Bildungserfolg stärker als in anderen Ländern, sagt sie.

"Wir brauchen eine chancengerechtere Bildung."
Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin

In Sammelunterkünften für Geflüchtete gebe es zum Beispiel oft kein funktionierendes WLAN. Kinder, die dort leben, hätten keine Möglichkeit, das Lernportal der Schule zu erreichen oder an Onlineunterricht teilzunehmen. Lernmaterialien hätten sie im Lockdown oft nur dann bekommen, wenn Lehrer und Lehrerinnen ihnen ausgedruckte Aufgabenblätter selbst in die Unterkunft gebracht haben.

"Die Pandemie hat gezeigt: Wir hinken als Land, was die Ausstattung der Schulen angeht, anderen vergleichbaren Ländern hinterher."
Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin

Die Studien zum Schulunterricht zeigen deutlich, so die Erziehungswissenschaftlerin: Es mangelt bei uns in Deutschland in allen Bereichen - Internetanschluss, Hardware wie Tablets und Computer, Lernsoftware und am Wissen, wie man Lernportale richtig bedient. Das macht erfolgreichen Distanzunterricht schwierig.

Forderung: Deutschland braucht mehr Bildungsgerechtigkeit

Am härtesten seien die getroffen, die auch vor der Pandemie schon in prekären Verhältnissen lebten. Wir brauchen dringend mehr Bildungsgerechtigkeit, sagt Havva Engin.

"Das Lernen muss sich mehr am Bedarf orientieren und weniger an den Defiziten. Wir müssen sagen: Was können diese Kinder? Was bringen sie mit? Wo kann ich sie stark machen?"
Havva Engin, Erziehungswissenschaftlerin

Havva Engins Vortrag trägt den Titel "Prekäre Lebenskontexte: Corona & Homeschooling". Sie hat ihn am 16. Juni 2021 online gehalten, und zwar im Rahmen der interdisziplinären Ringvorlesung "Shaping the Future. Female and Queer Perspectives on Possible Futures" der Justus-Liebig-Universität Gießen.