Nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Mülheim (Ruhr) tobt die Debatte, wie mit jugendlichen und kindlichen Tätern umgegangen werden soll. Zwei der fünf dringend Tatverdächtigen sind erst 12 Jahre alt und damit noch nicht strafmündig. Wir sprechen mit einer Kriminologin und einem Sozialpädagogen, die Täter in ambulanten und stationären Einrichtungen therapieren.

Die Kriminologin Rita Steffes-enn und Sozialpädagoge Josef Wagener haben viel Erfahrung mit sexuell übergriffigen Jugendlichen.

"Bei den unter 25-Jährigen sehen wir in den letzten Jahren einen Anstieg von gemeinschaftlich begangenen Übergriffen."
Rita Steffes-enn, Kriminologin und Therapeutin

Beide Fachleute therapieren Täter in ambulanten und stationären Einrichtungen. Die Experten erklären, was Heranwachsende zu Tätern werden lässt, wie Therapien aussehen, welche Rolle Gruppendynamiken spielen und warum die Herabsetzung der Strafmündigkeit ihrer Meinung nach die Gesellschaft nicht besser schützen würde.

"20 bis 30 Prozent der Vergewaltiger waren als Kind selber Opfer von sexuellem Missbrauch. Noch mehr haben körperliche Misshandlung hinter sich."
Rita Steffes-enn, Kriminologin und Therapeutin

Rita Steffes-enn und Josef Wagener arbeiten seit vielen Jahren in der Bundesarbeitsgemeinschaft "Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen mit sexualisiert grenzverletzendem Verhalten". Dort sind Bewährungshelfer, Psychologinnen, Kriminologen, Therapeutinnen und andere Experten vernetzt, um Intervention und Prävention in puncto sexueller Gewalt zu vertiefen und so Rückfälle besser verhindern zu können.

Rita Steffes-enn plädiert auch dafür, die Möglichkeiten zu verbessern, auffällige Jugendliche auch gegen den Willen der Eltern in Therapie zu bringen. Bei strafunmündigen Kindern scheitern Hilfen über das Jugendamt nicht selten an der fehlenden Bereitschaft der Eltern.

Hinweis:

Der Name unserer Sendung "Eine Stunde Liebe" ist im Kontext dieses Thema nicht sehr passend. Das Format beschäftigt sich aber auch journalistisch mit negativen Seiten von Sexualität. Für diese Themen können wir die Sendung nicht für diese einzelnen Ausgaben umbenennen.

Den Blick auf die Opfer sexualisierter Gewalt zu lenken ist extrem wichtig. Dies tun wir auch an anderer Stelle im Programm. In dieser Sendung geht es aber im Sinne der Prävention solcher Taten darum, zu verstehen, warum es zu solchen Taten kommt, und was in puncto Intervention und Prävention daraus abgeleitet werden kann. Auf die Arbeit mit Tätern zu schauen bedeutet nicht, dass wir die Taten in irgendeiner Weise entschuldigen oder relativieren wollen.