Sexistische Sprüche, Grapschen, Gewalt – vor allem Frauen werden im Job sexuell belästigt. Das zeigt eine neue Studie der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Das Ergebnis: Frauen sind mehr als doppelt so häufig betroffen wie Männer.

Jede oder jeder Elfte in Deutschland wurde in den vergangenen Jahren im Job sexuell belästigt. Das zeigen die Ergebnisse einer Befragung der Antidiskriminierungsstelle (ADS). Insgesamt wurden mehr als 1000 Beschäftigte befragt. Laut Studie ist jede achte Frau und jeder zwanzigste Mann betroffen. Täter sind demnach meistens nicht die Kollegen oder der Chef. Mehr als die Hälfte der Belästigungen gehen von Dritten aus – wie etwa von Kunden, Gästen oder Patienten. Am stärksten betroffen, sind Beschäftigte in Gesundheits- und Sozialberufen.

Sexuelle Belästigung ist eine Straftat

Bundesfamilienministerin Franziska Giffey hat bei der Vorstellung der Studie betont, dass sexuelle Belästigung ein Strafbestand, kein Kavaliersdelikt ist. Es sei ein Ausdruck von Machtmissbrauch und eine Form von Gewalt. Die Formen von sexueller Belästigung seien vielfältig, so die Ministerin, und deshalb oft schwer zu fassen. Sie beginne aber bereits dort, wo eine Geste oder ein Wort eine unterschwellige Bedeutung hätten.

Sexualisierte Sprüche am häufigsten

Am häufigsten kommt es laut Studie am Arbeitsplatz zu verbalen Belästigungen, wie etwa sexualisierte Kommentare. Das hat rund ein Drittel der Befragten schon mal erlebt – dicht gefolgt von unangemessenen Blicken oder Gesten (44 Prozent). Rund ein Viertel gab an, unerwünscht berührt oder bedrängt worden zu sein.

Katha ist genau das passiert. Sie hat schon öfter auf Messen gearbeitet. Ihre Erfahrung: Je knapper die verordnete Kleidung, desto häufiger kommt es zu Übergriffen.

"Dass man angefasst wird, ohne dass man das möchte, auf selbstverständliche Art und Weise, oder blöde Sprüche hört man da am laufenden Band."
Katha aus Köln

Nur vier von zehn Betroffenen wandten sich nach dem Vorfall an Dritte, zeigen die Ergebnisse der Studie. Auch nach #MeToo hätten Opfer immer noch Angst vor Konsequenzen, sagt Andreas Reuter vom ARD-Hauptstadtstudio.

"Viele haben immer noch das Gefühl oder bekommen zu hören: 'Jetzt hab dich doch mal nicht so' – Manche haben Angst, dass sie Nachteile im Betrieb haben, dass ihre Karriere beendet ist."
Andreas Reuter, ARD-Hauptstadtstudio

Die Erfahrung macht auch Stevie Schmiedel. Sie ist Genderforscherin und Gründerin der feministischen NGO Pinkstinks. Täglich melden sich Frauen bei ihr, die sich bei der Arbeit sexuell belästigt fühlen. Seit die #MeToo-Debatte angestoßen wurde, sei die Sensibilität für das Thema deutlich gestiegen, sagt sie, Übergriffe werden eher als solche wahrgenommen und gemeldet. Aber: das auf beiden Seiten.

"Gleichzeitig fühlen sich viele ja auf einmal in der Opferrolle: 'Ich wollte doch nur mal flirten, das kann man ja wohl nochmal sagen, darf man jetzt niemandem mehr die Türe aufhalten'."
Stevie Schmiedel, Pinkstinks

Vorgesetzte in der Verantwortung

Vor allem müssten Beschäftigte besser von ihren Arbeitgebern über Beratungsstellen informiert werden, betonte die Familienminister: "Jeder Fall ist einer zu viel." Denn laut Studie wusste fast die Hälfte der Befragten nicht, ob es in ihrem Betrieb überhaupt eine Anlaufstelle gibt. Die Familienministerin verwies deshalb auf die Pflicht der Arbeitgeber und Personalvertretungen. Sie seien gesetzlich dazu verpflichtet, eine interne Anlaufstelle für Betroffene einzurichten.

"Arbeitgeber und Personalvertretungen haben die Pflicht, sich aktiv mit sexueller Belästigung am Arbeitsplatz auseinanderzusetzen und ihr konsequent entgegenzutreten."
Franziska Giffey, Bundesfamilienministerin