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"Die Angst ist ein Stück weit realer geworden", sagt Sozialarbeiter Markus Herzog und ergänzt: Die Tat von Stade habe seine Berufsgruppe tief erschüttert. Warum Gewalt für viele Fachkräfte kein Einzelfall ist – und was jetzt passieren muss.

Sechs Menschen wurden bei einer Schießerei in einer Mutter-Kind-Einrichtung getötet. Die Opfer waren Mitarbeitende der Einrichtung und des Jugendamts. Was am Montag (29.06.2026) in Stade in Niedersachsen passiert ist, bewegt viele Menschen in Deutschland – auch Sozialarbeiter*innen, sagt Markus Herzog. Er arbeitet in der Jugendhilfe und berichtet auf Social Media über seinen Berufsalltag.

"Ich war erstmal nur geschockt, ich war erstmal sprachlos."
Markus Herzog, Sozialarbeiter

Markus begleitet täglich Menschen, die Hilfe brauchen. Dabei gerate er immer wieder in Situationen, die er selbst als riskant beschreibt. Er erlebt Beleidigungen, Bedrohungen und Übergriffe. Gleichzeitig ist es ihm wichtig zu betonen, in welch schwierigen Lebenslagen sich viele seiner Klient*innen befinden: "Das sind Situationen, die für die Klient*innen sehr schwer sind." Es gehe zum Beispiel um Hilfe, die nicht weiter bewilligt werde oder um Kindeswohlgefährdung.

"Die Personen sind manchmal so aufgewühlt oder aufgebracht, dass sie Mitarbeitende angreifen, bedrohen oder ihnen Angst machen."
Markus Herzog, Sozialarbeiter

Markus' Eindruck ist, dass gesellschaftlich kaum bekannt ist, mit welchen Problemen Sozialarbeitende konfrontiert sind und unter welchen Bedingungen sie arbeiten. Deshalb spricht er auf Social Media über seinen Berufsalltag.

Konsequenzen aus der Tat gefordert

Nach der Tat von Stade hat er außerdem eine Petition gestartet. "Die Politik und auch die Arbeitgebenden müssen endlich Verantwortung übernehmen", sagt Markus.

Es könne nicht sein, dass Menschen mit Angst zur Arbeit gingen. Doch genau das berichten ihm derzeit viele Kolleg*innen. Nach den Nachrichten, die ihn in den Tagen nach der Schießerei erreicht haben, seien viele vor allem schockiert. Gleichzeitig gingen sie nun mit einem "anderen Gefühl" zur Arbeit. Sich selbst nimmt Markus davon nicht aus.

"Als Sozialarbeiter hast du die Angst immer im Hinterkopf. Aber natürlich hat Stade jetzt noch mal etwas verändert."
Markus Herzog, Sozialarbeiter

Studie: Fast alle Sozialarbeitenden erleben Gewalt

Die Tat von Stade ist ein Extremfall, der große Aufmerksamkeit bekommt. Gleichzeitig lenkt sie den Blick auch auf andere Formen von Gewalt, die Sozialarbeitende regelmäßig erleben.

Nikolaus Meyer ist Professor für Profession und Professionalisierung Sozialer Arbeit. Im Rahmen seiner Forschung hat er 2024 die AVASA-Studie durchgeführt. Dafür befragte er mehr als 6.300 Sozialarbeiter*innen zu ihren Arbeitsbedingungen und ihrem Berufsalltag und führte zusätzlich Interviews.

"Wir wissen aus vielen Untersuchungen, insbesondere aus der Kinder- und Jugendhilfe, dass Gewalt mittlerweile zum Arbeitsalltag dazugehört."
Nikolaus Meyer, Hochschule Fulda

Das Ergebnis: Fast alle Befragten haben psychische Gewalt erlebt – gegen sich selbst oder zwischen den Menschen, die sie betreuen. "Das kann vom Anschreien bis hin zum Ignorieren alles an psychischer Gewalt umfassen", sagt Nikolaus Meyer. Viele hätten außerdem körperliche Gewalt erlebt, etwa wenn ein Messer gezogen werde.

Personalmangel verschärft die Situation

Ob Gewalt in der Sozialen Arbeit insgesamt zugenommen hat, lasse sich anhand der bisherigen Daten nicht sagen, erklärt Nikolaus Meyer. Denn es gebe dazu bislang nur diese eine große Erhebung. Klar sei aber: Gewalt gehöre inzwischen vielerorts zum Arbeitsalltag. Betroffen seien auch Beschäftigte bei der Bahn, Polizist*innen, Feuerwehrleute und Personal in Krankenhäusern.

Die Ursachen seien vielfältig. Ein wesentlicher Grund sei aus seiner Sicht, dass zu wenig Geld in die Soziale Arbeit fließe und großer Personalmangel herrsche, so Nikolaus Meyer.

"Personalfluktuation ist der Normalfall. Dabei ist Beziehung in diesem Bereich das Einzige, was wir anbieten können."
Nikolaus Meyer, Hochschule Fulda

Seine Studie zeige einen direkten Zusammenhang zwischen verletzendem Verhalten, Gewalt und den – wie er sagt – "nicht guten" Arbeitsbedingungen. So hätten nur 12 Prozent der Teams in der stationären Jugendhilfe angegeben, im vergangenen Jahr keinen personellen Wechsel erlebt zu haben. Das wirke sich unmittelbar darauf aus, wie Jugendliche begleitet werden können.

Forderung: mehr Schutz und Prävention

Der Sozialarbeiter Markus Herzog fordert in seiner Petition unter anderem verbindliche Schutzstandards. Pro Dienst sollten zum Beispiel mehr Fachkräfte gemeinsam arbeiten. "Bis jetzt ist es oftmals so, dass Leute im 24-Stunden-Dienst ganz alleine sind. Sie gehen morgens hin und sind bis zum nächsten Tag ganz alleine mit sechs oder sieben Jugendlichen", sagt er. Außerdem müsse mehr Geld in Prävention fließen: "Dann könnten wir mehr aufklären – zum Beispiel über männliche Rollenbilder."

Stand jetzt bewegt sich auf politischer Ebene noch nichts. Markus will trotzdem weitermachen. In der Jugendhilfe, "weil ich diesen Job liebe". Und auf Social Media, "weil ich hoffe, damit etwas zu verändern."

Ihr habt Anregungen, Wünsche, Themenideen? Dann schreibt uns an unboxingnews@deutschlandradio.de

Shownotes
Tat von Stade
Wer schützt Sozialarbeiter?
vom 01. Juli 2026
Moderation: 
Ilka Knigge
Gesprächspartner: 
Markus Herzog, Sozialarbeiter und auf Social Media aktiv
Gesprächspartner: 
Nikolaus Meyer, Professor für Profession und Professionalisierung Sozialer Arbeit an der Hochschule Fulda
Gesprächspartner: 
Johannes Döbbelt, Deutschlandfunk-Nova-Reporter
Unsere Quellen: