Wenn wir von unseren Träumen erzählen, geht es oft um Bilder. Aber was träumen Menschen, die von Geburt an blind sind?

Züge rauschen, ein Windhauch und nirgendwo Häuser. Bianka Mandrella ist in einem Bahnhof. Sie träumt.

Die 32-Jährige ist von Geburt an blind. Wenn sie ihre Träume beschreibt, geht es nicht um Bilder, aber um Wahrnehmung. Dass beispielsweise keine Häuser um sie herum sind, macht sie an anderen Dingen fest. Alles fühle sich offen und frei an, sagt sie.

"An den Schritten kannst du das hören. Wenn du läufst, prallt der Schall von den Schritten irgendwo ab und kommt wieder zu dir zurück. Du hörst, ob links und rechts neben dir etwas ist."
Bianka Mandrella beschreibt, was sie in Träumen wahrnimmt

Im Traum orientiert sich Bianka genau wie in der Realität und weiß meistens ganz genau, an welchem Ort sie im Traum gerade ist und was um sie herum passiert. Sie identifiziert dann beispielsweise Gerüche, oder einfach das Gefühl, das sie an bestimmten Orten hat, und weiß dann, wo sie ist. "Es kommt immer darauf an, worauf sich dieser Traum konzentriert und wenn das irgendwie nicht wichtig erscheint, dann empfind ich das auch nicht", sagt sie.

Im Traum werden dieselben Hirnareale durchblutet, wie im Wachzustand

Für Sehende ist das oftmals kaum nachvollziehbar. Wer sehen kann, orientiert sich zu etwa 80 Prozent mit den Augen. Und das sowohl wach, als auch im Traum, erläutert Schlafmediziner Michael Feld. Wenn wir träumen, würden dieselben Hirnareale durchblutet, wie tagsüber, wenn wir im Wachzustand sehen.

"Das Gehirn macht halt das, was es am Besten kann und was am meisten eingeübt ist. Und wenn ich nie gelernt habe zu sehen, dann mach ich es eben übers Fühlen oder Riechen."
Michael Feld, Schlafmediziner

Bei den blindgeborenen Träumenden – wie Bianka Mandrella – sind im Traum andere Hirnareale stark durchblutet, wie beispielsweise das akustuische, das Geruchsareal oder das Fühlareal, so Michael Feld. "Blinde wie Sehende träumen genauso, wie sie im wachen Zustand die Realität erleben."

"Die, die nicht sehend träumen, träumen in den anderen Sinnesqualitäten mindestens so intensiv, wie wir beim Sehen."
Michael Feld, Schlafmediziner

Wie intensiv die anderen Sinne im Traum wirken, kann Bianka Mandrella bestätigen. Sie hat schon erlebt, dass sie Schmerzen, die sie im Traum hatte, noch nach dem Aufwachen gespürt hat. Beispielsweise, wenn sie im Traum gegen einen Gegenstand gelaufen ist und sich gestoßen hat.

Blinde verarbeiten andere Ängste im Traum

Sich zu stoßen oder über etwas zu stolpern, sind häufige Traummotive von blinden Menschen. Es beschreibt ihre alltäglichen Ängste, die sie oftmals in Träumen verarbeiten. Laut einer dänischen Untersuchung haben geburtsblinde Menschen darum auch häufiger Alpträume.

Ängste dieser Art kennt Sefanie Jakob auch. Allerdings mehr aus dem Wachzustand. Sie ist vor zwölf Jahren mit Mitte 30 durch eine fehlgebildete Netzhaut erblindet. Sie hat also noch viele Bilder im Kopf, die nachts in den Träumen auftauchen. Oft gehe es in ihren Träumen ums Kellnern; den Job, den sie damals gemacht hat.

"Im Traum bin ich immer wieder in meinem alten Restaurant. Die Leute erkenne ich auch. Aber wenn es ums Bezahlen geht, merke ich im Traum, dass ich nicht sehen kann."
Sefanie Jakob, ist vor zwölf Jahren erblindet

Im Traum sieht Stefanie Jakob immer noch die Bilder, die sie aus der Zeit vor ihrer Erblindung kennt. Das Restaurant beispielsweise, in dem sie gearbeitet hat, kann sie noch klar erkennen und auch die Gäste. Aber wenn es ums Bezahlen geht, oder um Preise allgemein, merkt sie, dass die Bilder weg sind. Dann kommt es im Traum zu einem Bruch, berichtet sie. Meistens verlasse sie dann das Restaurant oder wache auf.

Gehirn baut Nervenverbindungen ab – Bilder werden weniger

Die ersten zwei Jahre hat Stefanie Jakob noch ganz normal geträumt. Ab dann wurden die Bilder immer schwächer und farbloser. Das sei so, als schaue sie durch eine Nachtsichtbrille, beschreibt sie. Und an manchen Tagen könne sie sich gar nicht mehr an Bilder erinnern.

"Wenn es Menschen sind, die unbekannt sind, dann ist das Gesicht grau."
Stefanie Jakob, ist vor zwölf Jahren erblindet

Was Stefanie Jakob erlebt, lässt sich neurobiologisch erklären. Denn jedes mal, wenn wir schlafen, baut unser Gehirn die Nervenverbindungen ab, die wir nicht mehr brauchen. Darum kann sich Stefanie Jakob auch keine neuen Gesichter mehr vorstellen. Sie hat ja zwölf Jahre keine mehr gesehen. Nur die, zu denen sie früher eine emotionale Bindung hatte, seien geblieben, sagt sie.