Schon der Attentäter in Christchurch, Neuseeland, hatte seine Tat live gestreamt. So auch Stephan B., der die Synagoge in Halle angriff. Das Video wurde aufgezeichnet - und wird wohl ewig verfügbar bleiben.

Der Attentäter von Halle hat seine Tat mit einer Helmkamera gefilmt und live auf der Plattform Twitch gestreamt. Twitch gehört zu Amazon und ist ein Live-Streaming-Videoportal, das vor allem von Gamern für die Übertragung von Videospielen genutzt wird.

Laut Twitch haben fünf User den Stream von Stephan B. live mitverfolgt. 2.200 Personen haben das Video dann noch in der halben Stunde aufgerufen, bis es gesperrt wurde.

"Ich gehe davon aus, dass man versuchen wird, die Identität der Live-Zuschauer zu ermitteln – ob das gelingt und ob man ihnen nachweisen kann, dass sie nicht zufällig zugeschaut haben, ist eine andere Frage."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Die fünf Personen, die den Anschlag auf die Synagoge und die beiden Morde gesehen haben, können theoretisch zufällig auf den Stream gelangt sein. "Viel wahrscheinlicher ist aber, dass die Zuschauer den Nutzer-Account des Täters vorher kannten", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat. Stephan B. könnte zum Beispiel in entsprechenden Foren seine Tat angekündigt und seinen Twitch-Account mitgeteilt haben.

Sollten tatsächlich Personen von der Tat im Vorhinein gewusst haben, hätten sie sich strafbar gemacht. Denn nach § 138 des Strafgesetzbuchs besteht eine Pflicht zur Anzeige geplanter Straftaten. Michael Gessat geht davon aus, dass die Behörden versuchen werden, die Zuschauer zu ermitteln.

In "White Supremacists"-Telegram-Chats verbreitet

Dass das aufgezeichnete Video nach dem Live-Stream von über 2000 Menschen angeschaut wurde, bedeutet, dass es relativ schnell verbreitet werden musste. So wurde der Clip laut NBC News wenige Minuten nach dem Posten in mindestens zehn "White Supremacists"-Channeln auf Telegram verbreitet. Dort gab es dann wohl auch Kommentare, in denen der Täter als Held und Heiliger bezeichnet wurde. Allein diese Telegram-Kanäle haben eine Reichweite von mehreren zehntausend Mitgliedern.

Anschlagsvideo für immer im Netz

Das Video wird wohl für immer im Netz zu finden sein. Zwar werden "Große Plattformen wie Youtube, Twitch und Facebook werden vermutlich alles tun, um das Weiterverbreiten dieses Videos zu verhindern", sagt Deutschlandfunk-Nova-Reporter Michael Gessat. – Nach dem Attentat von Christchurch, Neuseeland, nachdem es massiven Druck auf die Anbieter gegeben hatte bis hin zur Forderung der Politik, Livestreams komplett zu verbieten, hatten Facebook, Microsoft, Twitter und Youtube das "GIFCT" gegründet, das Blobale Internetforum gegen Terrorismus. In dessen Rahmen versuchen die Plattform-Anbieter in Kooperation mit den Behörden, koordiniert bekanntes Material zu blocken.

"Im Grunde reicht ein Einzelner, der eine Kopie des Videos hat, das jetzt oder später zu verbreiten. Es ist aber trotzdem wichtig zu versuchen, das auf den großen Ausspielwegen so weit wie möglich zu blockieren oder zu löschen."
Michael Gessat, Deutschlandfunk-Nova-Reporter

Aber das wird nicht reichen. Denn es gibt ja zahlreiche andere Kanäle und Plattformen, teilweise solche, wo praktisch regellos gepostet werden kann oder unbekannte kleine rechtsextreme Foren. Je nachdem, wo die gehostet sind, kommt man da auch nicht dran, erklärt Michael. Und es genügt ein Einzelner mit einer Kopie, um es zu verbreiten.

Das Video von Stephan B. wird also auf bestimmten Plattformen weiter verfügbar bleiben, auch wenn es nicht einfach zu finden ist.