Wächst man als Spross einer Adelsfamilie auf, dann hat man keine Geldsorgen, ein Leben in Saus und Braus und muss sich um die Zukunft kaum Gedanken machen. Leichtes Leben oder schweres Erbe? Wie der junge Adel tickt.

Eigentlich gibt es den Adelsstand in Deutschland offiziell schon seit hundert Jahren nicht mehr. Titel wie Fürstin, Herzog, Graf und Prinzessin dürfen nur noch als Teil des Nachnamens verwendet werden. Auch alle gesellschaftlichen Privilegien wurden aberkannt. Über Standesdünkel wird öffentlich kaum noch geredet – in der Welt der Adeligen spielt die Herkunft aber durchaus noch eine Rolle.

Exklusiv und luxuriös

Es existiere noch immer eine Art Parallelgesellschaft, sagt Stefan Blatt, Adelsreporter bei BUNTE. Junge Adelige verkehren in sehr exklusiven Kreisen. Wem kein blaues Blut durch die Adern fließe, habe kaum eine Chance, dazuzugehören. Ein luxuriöser Lifestyle und viel Geld: Für den jungen Hochadel ganz normal, sagt der Experte. Sie jetten um die Welt – Für Hochzeiten, Taufen, Geburtstage geht es nach Indien, in die USA oder England.

"Die jungen Adeligen fahren von Schloss zu Schloss. Die Szene ist sehr international geworden. Einige stöhnen, weil sie bei über zwanzig Hochzeiten im Jahr eingeladen sind."
Stefan Blatt, Adelsexperte

"Immer noch erstaunlich spießig"

Doch die Welt verändert sich, sagt Stefan Blatt. Die jüngere Generation sei politisch korrekter. Sie hätten ein anderes Selbstverständnis: Sie pissen nicht mehr besoffen in der Öffentlichkeit an Pavillons und Partys laufen deutlich diskreter ab, erzählt der Experte. Die jungen Adeligen feiern auch – aber im Gegensatz zu ihren Eltern hinter Schlossmauern oder in Hotelsuiten.

"Die Jungen sind lockerer drauf, aber immer noch erstaunlich spießig. Da denkt man oft nicht, dass man in der Jetzt-Zeit lebt."
Stefan Blatt, Adelsexperte

Werte und Tradition

Auf dem jungen Hochadel lastet aber auch heute noch ein unheimlicher Familiendruck, weiß Stefan Blatt. Es gehe um Tradition, um Werte, um Familie. Aus diesen Kreisen auszubrechen, sei sehr schwer. „Man muss immer mit dieser Bürde leben und diese vertreten“, sagt Stefan Blatt. Viele Adelige kennen nichts anderes: Als Kinder gehen sie auf Elite-Schulen und Internate, immer umgeben von anderen Reichen oder Adeligen. Über allem schwebt immer eine ganz klare Erwartungshaltung, sagt Stefan Blatt.

"Im Schloss hängt die Ahnengalerie an der Wand. Das ist eine Bürde, dass man der Tradition verhaftet ist, dass man Werte leben muss, dass man in der Adelsfamilie verwurzelt sein muss. So wird man erzogen."
Stefan Blatt, Adelsexperte

Heirat: Um Liebe geht es selten

Es gebe zwar immer mehr Liebesheiraten, wie in England zwischen Prinz William und Kate oder Prinz Harry und Megan. In Deutschland sei das aber noch die Ausnahme. Heiraten innerhalb des Standes gehört zum guten Benehmen, sagt Stefan Blatt. Die Geschlechterrollen seien dabei klar aufgeteilt: Der Mann ist der Chef, die Frau bekommt die Kinder.

"Adel bedeutet, viele Kinder in die Welt zu setzen. Da gibt es klar verteilte Geschlechterrollen: Der Mann verwaltet das Schloss und ist der Chef – und die Frau bekommt die Kinder."
Stefan Blatt, Adelsexperte

Das Erbrecht ist ähnlich konservativ und "sehr frauenfeindlich": der älteste Sohn ist der Haupterbe, die anderen Kinder gehen quasi leer aus. Der neue Hauschef "sitzt auf der Knete" und verwaltet die Finanzen. Er ist damit auch verantwortlich, dass "die Familie bei einer Hochzeit nicht ohne Juwelen ankommt."

Es gibt jedoch Ausnahmen, wie die Adelsfamilie Anhalt-Askanien. Im Jahr 2010 ließ Eduard Prinz von Anhalt das Hausgesetz ändern und führte die weibliche Erbfolge ein. Die Familie ist "wahnsinnig fortschrittlich", sagt Stefan Blatt.

"Die jüngeren adeligen Damen sind in der Neuzeit angekommen. Sie fordern immer mehr ihre Rechte ein."
Stefan Blatt, Adelsexperte

Mit dem Generationenwechsel wird sich die Adelswelt in den kommenden Jahrzehnten modernisieren, vermutet der Experte. In zwanzig bis dreißig Jahren könnten die Adeligen dann auch (endlich) im 21. Jahrhundert ankommen.