Während der Corona-Pandemie sitzen wir alle in einem Boot. Vor allem aber zu Hause. Mit wem wollen wir uns eigentlich am liebsten in Quarantäne begeben? Und was tun, wenn man in einer Fünfer-WG lebt?

Die Corona-Pandemie drängt viele von uns nach Hause. Ob in die WG, zum Partner oder zurück zu Eltern und Geschwistern. Wir teilen also unseren Alltag mit Menschen, die uns Trost und Unterstützung spenden – aber auch den letzten Nerv rauben. Damit der kleinen Gemeinschaft nicht buchstäblich die Decke auf den Kopf fällt, empfehlen sich gemeinsame Aktivitäten. Aber auch Abstand kann in den eigenen vier Wänden Wunder wirken.

WG-Leben: Zwischen Bananenbrot und Waldspaziergang

Als im März in Österreich die Ausgangsbeschränkungen verkündet werden, zieht Michel Mehle in Windeseile zu seiner Freundin. Die wohnt aber nicht allein, sondern in einer WG in Wien. Michels Schwester und seine Mutter halten sich derweil in Hannover auf. Für Michel stand der Umzug in die Wohnung seiner Freundin aber nie zur Debatte. Schon vor Corona verbrachte er mehr Freizeit in der Wohngemeinschaft seiner Partnerin als in der eigenen.

„Für mich ist das ein Riesenglück, dass ich hier sein kann, weil das einfach ein großer Halt ist.“
Michel Mehle

Seither hält Michels Alltag gemeinsames Bananenbrot-Backen, Hochbeet-Bepflanzen und Liegestuhl-Reparieren bereit. Das funktioniert gut, weil sich alle neben den gemeinsamen Aktivitäten den nötigen Freiraum schenken – obwohl auch ein frisch verliebtes Pärchen in der WG haust.

Als eine Mitbewohnerin den Verdacht hatte, sie könne infiziert sein, stand die WG Anfang April sogar unter Quarantäne: fünf Leute auf 120 Quadratmetern. Ihrer Arbeit konnten tagsüber alle irgendwie nachgehen. Am Abend kam man dann wieder zusammen.

Als Ausgleich ging es gemeinsam auf zum Waldspaziergang. Michel empfiehlt, nicht zu sehr auf die Planung zu gucken, die man sich vor der Corona-Pandemie überlegt hatte. Langeweile muss man jetzt sowieso zu Hause bekämpfen: „Wenn man merkt, dass einem Bananenbrot doch nicht passt, muss man Zeit verbringen mit den Menschen, die um einen sind.“

Schicksalsgemeinschaften: Ist Blut dicker als Wasser?

Dass sich Michel für den Umzug nach Berlin entschieden hat, wundert Soziologe Janosch Schobin nicht. Die emotionale Bedeutung der Freunde und selbst gewählten Partner wird immer wichtiger. So gehe der Trend dahin, Geld, Freizeit und Sorgen eher mit den Freunden als mit der Familie zu teilen. Laut einer Studie wenden sich Menschen mit seelischen Problemen tendenziell eher an die eigenen Freunde als an die Eltern oder Geschwister, so Schobin.

„Je wohlhabender eine Gesellschaft ist, umso häufiger fragt man dann Freunde und nicht mehr den Partner, Kinder oder Eltern“
Janosch Schobin

Zurückführen lässt sich das darauf, dass Familien schrumpfen. Aber auch der Fakt, dass man als Erwachsener sowieso häufiger außerhalb des Elternhauses lebt, spielt eine Rolle.

Laut Schobin entscheide man sich stets aufs Neue für die eigenen Freunde oder Liebespartnerinnen: „Schlechte Freundschaften sterben aus, genau wie schlechte Ehen, weil sie ausselektiert werden müssen“, meint der Experte. Dennoch seien Freunde und Familie keine Konkurrenzveranstaltungen. Er sieht vor allem den Unterschied in den Bedürfnissen, die wir an unsere Liebsten stellen: „Es geht mehr um Emotionales und weniger um materielle Unterstützung.“

Was bedeutet Familie heute?

Familien können biologisch verwandt, angeheiratet, frei gewählt sein und sich über die ganze Welt verteilt befinden. Familien werden immer komplexer. Das bürgerliche Familienideal in den 1950er und 1960er Jahren ist längst überholt. Sowohl das monogame heterosexuelle Ehepaar mit leiblichen Kindern als auch klar umrissene Rollenverteilungen gehören der Vergangenheit an. Familien werden wie andere Lebensformen in der Gegenwart freier gewählt, da ökonomische und soziale Zwänge zunehmend sinken.