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Sie wächst in der DDR auf, geht dort zur Schule und studiert Physik. Prägende Jahre. Im November 2005 wird Angela Merkel dann gesamtdeutsche Kanzlerin. Wo thematisiert sie ihre Herkunft, wo nicht? Wo gereicht sie ihr zum Vorteil, wo zum Nachteil? Solche Fragen stellt und beantwortet die Zeithistorikerin Christina Morina.

Die erste Ostdeutsche als Regierungschefin. Eine Frau mit großem DDR-Erfahrungsschatz im Kanzleramt. Das müsste sich doch positiv auswirken auf das westdeutsch dominierte, wiedervereinigte Deutschland, könnte man denken. Merkels Aufwachsen in und ihr Erleben der DDR müssten doch häufig von ihr thematisiert werden, wenn sie vor ihre Landsleute tritt.

"Angela Merkels ostdeutsche Identität gewinnt in dem Maße Kontur, in dem sie sich von Ostdeutschland entfernt."
Christina Morina, Zeithistorikerin Universität Bielefeld

Tatsächlich findet Christina Morina keine Belege für diese Annahme, im Gegenteil. Angela Merkel thematisiert ihre ostdeutsche Erfahrungswelt und Herkunft am liebsten und eindringlichsten außerhalb der deutschen Landesgrenzen. In den USA geht sie 2019 in einer Rede an der Harvard University ausführlich auf ihre Erinnerung an die Mauer und die erfahrene Unfreiheit in der DDR ein.

"Dermaßen offen, emphatisch und öffentlichkeitswirksam hat sie sich in ihrer Heimat kaum je über ihre ostdeutsche Herkunft geäußert. Diese Herkunft ist ein politisches Pfund, das sie dort nie in die öffentliche Waagschale wirft."
Christina Morina, Zeithistorikerin Universität Bielefeld 

Von der Pastorentochter ins Licht der Weltöffentlichkeit – das ist eine Geschichte, die großes Renommée birgt. 2015, nach der Aufnahme hundertausender Flüchtlinge und dem Merkel-Diktum "Wir schaffen das!" erklärt das Time-Magazin sie zur "Person of the Year". Angela Merkel ist demnach the "Chancellor of the free World". Auch in der westdeutschen Öffentlichkeit wird die Geschichte der klugen zielstrebigen Wissenschaftlerin, die in der DDR nur überwintert hat, bis sie in der wiedervereinigten Bundesrepublik weitere Talente entfalten kann, gern gehört und erzählt. Morina nennt das die "Kokon-Erzählung". Im rechtsextremen Spektrum dagegen wird Merkels Biographie zum Makel, zum Ausweis ihres vermeintlich unfreien, totalitären Denkens.

"Angela Merkels tritt also bevorzugt aus der Distanz und in Ausnahmesituationen als ostdeutsche Kanzlerin in Erscheinung."
Christina Morina, Zeithistorikerin Universität Bielefeld 

Morina zieht eine nüchterne Bilanz: Die Kanzlerin, die aus dem Osten kam, repräsentiert eine Politik, die wenig dazu beigetragen hat, Ostdeutschland in das bundespolitische Koordinatensystem einzuschreiben. Die Rednerin beschreibt in ihrem Vortrag, wo und wie Angela Merkels ostdeutsche Herkunft zum Vorbild, Idealbild und zum Feinbild wird.

Auf unserer Suche nach historisch geschulten Vortragenden, die einen Vortrag über Angela Merkel für den Hörsaal halten, haben wir einige Absagen eingefahren. HistorikerInnen sprechen lieber mit einigen Jahren und Jahrzehnten Abstand zum Untersuchungsgegenstand.
Bei Christina Morina hatten wir Glück! Sie lehrt Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld. Erinnerungskultur Ost und West zählt zu ihren Forschungsschwerpunkten. Und: Sie arbeitet an einem Buch mit dem Titel "Geteilte Bilanz. Politische Kulturgeschichte Deutschlands seit den 80er Jahren". Da passte unsere Anfrage gut. Und so hat Christina Morina den Vortrag konzipiert und am 9. Juli 2021 eingesprochen.