Was ist Kunst? Ist Kunst Gedankensalat, Geldmaschine, purer Sex? Zwei Frauen aus dem sogenannten Berliner Kulturbetrieb haben einen Roman geschrieben, der diese Fragen aufwirft.

Es ist Heiligabend und M. ist zu Besuch bei ihren Eltern in Bayern. In ihrem alten Kinderzimmer skypt sie mit RaDaR808. In Wirklichkeit heißt er Tim. Und in Wirklichkeit weiß M. von ihm nur, dass er auf eBay-Kleinanzeigen eine Drum-Machine verkaufen will, zu einem Preis, der M. zu hoch ist. Deshalb handelt sie ihn runter.

M. lebt eigentlich in Berlin. Jetzt ist sie wieder hier, weil Weihnachten ist und weil die Familie ihre Anwesenheit erwartet. Egal wie spät ihr Zug aus Berlin fährt, den sie bucht – in der Regel zu spät für das Abendessen und die Bescherung mit den Kindern ihrer Schwester – M.s Anwesenheit wird immer schweigend erwartet. Wie sie kommt, spielt keine Rolle. Wichtig ist, dass sie kommt und dass sie sich an die Regeln hält. Dazu zählt auch, ihre "Nebenjobs" mal ruhen zu lassen, findet M.s Mutter.

In der Kunstszene wird mit Kalkül gefickt – in den Clubs mit Emanzipation

Und damit meint sie "die Sache" mit dem Telefonieren am Computer, nachts, mit Männern sprechen, über Dildos, Strap-ons, Nippelklemmen und so weiter. M.s Mutter weiß nicht, dass ihre Tochter das nicht nebenberuflich, sondern einfach so macht, aus ganz freien Stücken, privat sozusagen. 

"M" heißt das Romandebüt von Anna Gien und Marlene Stark. Das M steht für einen Namen. Es steht aber auch für die Kunst. M. kann im Prinzip jede oder keiner sein, alles oder nichts. M. steht für Mann, Mädchen, Muschi. Für maskulin, mutig oder masturbieren. Die meisten halten M. für eine Frau – über 30, ungebunden, kinderlos und konzeptfrei. M. lebt wie es kommt, anders als die meisten anderen, ohne Foliensträhnchen, ohne Eigenheim, ohne Stipendium. 

"Manchmal verschwindet M. in den Klub-Toiletten, vergräbt ihre Zunge und ihre Hände in Körperöffnungen, beobachtet und speichert ab."
Lydia Herms über "M" von Anna Gien und Marlene Stark

Wenn M. nachts in kleinen, schäbigen Klubs auflegt, in denen sie sich außerordentlich wohlfühlt, weil sich dorthin selten jemand verirrt, der einen echten Plan vom Leben hat, dann fühlt sie sich sicher. Dann muss sie keine Show abliefern. Dann ist egal, wie viele Galerien sich nicht für ihre Arbeiten interessieren, für ihre Bilder, für ihre Konzepte, für ihren Arsch.

Die Autorinnen

Anna Gien, geboren 1991 in München, ist freie Autorin und arbeitet in unabhängigen künstlerischen Projekten. Sie hat Kulturwissenschaft und Kunstgeschichte in Berlin und Florenz studiert. Ihr Interesse gilt der Körperpolitik, feministischer Theorie, Sexarbeit und den Zusammenhängen von Kunst, Kapital und Popkultur. Sie lebt und arbeitet in Berlin. 

Marlene Stark, geboren 1985 in Ellwangen, arbeitet meist kollaborativ und interdisziplinär mit Malerei, Installation, Sound, Musik und Text. Sie ist zudem DJ und produziert Musik. Stark hat Malerei in Karlsruhe, Berlin und Bogotá studiert. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

"M" von Anna Gien und Marlene Stark ist 2019 im Verlag Matthes & Seitz in Berlin erschienen. 245 Seiten, gebundene Ausgabe: 20 Euro, eBook: 15,99 Euro.

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