Helena ist Einzelkind und sagt, ihr fehlt etwas. Wie gehen wir damit um? Und warum gilt es oft als Mangel statt als Gewinn, wenn wir ohne Geschwister aufwachsen?
Helena ist 19 und macht gerade ein Freiwilliges Soziales Jahr. Sie sagt, sie ist sehr behütet aufgewachsen, auch privilegiert an vielen Stellen, aber als Einzelkind. Das hat sie früher sehr beschäftigt und macht sie heute immer noch ab und zu traurig. Denn sie hat sich immer Geschwister gewünscht.
"Für mich ist es so, dass es gerade in meiner Kindheit so war, dass ich mich oft einsam gefühlt habe und zu viel Aufmerksamkeit von meinen Eltern bekommen habe und zu viel alleine war und zu wenig dann unter Gleichaltrigen, zum Beispiel im Urlaub", sagt sie.
"Das ist natürlich so omnipräsent überall, in Serien, in Filmen, im echten Leben. Und ich werde es nie verstehen können. Und das ist was, was mich wirklich extrem stört und auch wirklich tief traurig macht."
Am meisten fehlt Ihr das Teilen von gemeinsamen Erfahrungen "und irgendwie einer gemeinsamen Kindheit und einer Person, mit der man immer über alles sprechen kann und die immer für einen da ist, ohne irgendwelche Bedingungen", sagt Helena. Wenn sie als Kind mit den Eltern verreist ist, hat sie das besonders gespürt, weil es im Urlaub niemanden gab, mit dem sie spielen konnte.
Auf Familienfesten fühlt sie sich einsam
Wenn sie jetzt bei ihren Eltern ist, sei es nur manchmal ein Thema, dass Geschwister fehlen, sagt Helena. "Das Klassische, wenn man Streit mit den Eltern hat, wenn man irgendwas falsch gemacht hat und dann sind die Eltern sauer auf einen, da könnte man dann mit Geschwisterkindern drüber reden und die würden vielleicht genauso denken."
Besonders stark hingegen sei das Gefühl, dass etwas in ihrem Leben fehlt, bei Festen und Treffen mit anderen Familien: "Die haben alle Geschwister dabei und da hätte ich dann auch gern eine Person, die ich sehr, sehr gut kenne." Als Kind hat sie oft gespielt, dass sie Geschwister hat, zum Beispiel mit ihren Puppen.
"Meine Puppen waren dann immer meine Geschwister."
Helena hat nicht nur in der Vergangenheit Geschwister vermisst, sie denkt auch an die Zukunft, und fühlt sich bei dem Gedanken, dass ihre Eltern alt werden, allein. "Ich kann das jetzt momentan natürlich noch verdrängen, weil das noch weit weg ist, hoffentlich." Aber sollten ihre Eltern irgendwann pflegebedürftig sein, krank werden oder gar sterben, dann ist sie alleine verantwortlich. "Da hätte ich keine Person, die das Gleiche fühlt wie ich. Und da würde mich keiner verstehen können."
Sie sei sich darüber im Klaren, dass es zwischen Geschwistern auch mal richtig Streit geben kann. "Das kriege ich natürlich auch mit, dass eine Geschwisterbeziehung nicht immer nur schöne Seiten hat, aber gerade in meinem Umfeld und in meinem Alter habe ich schon das Gefühl, dass die meisten sehr dankbar für ihre Geschwister sind und eigentlich eine gute Beziehung haben.
Die Norm: Familie mit zwei Kindern
Insgesamt hat sie übrigens das Gefühl, dass die meisten Leute in ihrem Umfeld Schwestern oder Brüder haben. Das Gefühl trügt nicht: Die meisten Familien in Deutschland haben mehr als ein Kind, sagt Kerstin Ruckdeschel, sie ist Soziologin am Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung: "Fakt ist, dass in Deutschland und in Europa schon seit längerer Zeit die sogenannte Zwei-Kind-Norm vorherrscht. Also das ist tatsächlich das am häufigsten gelebte Familienmodell, dass man zwei Kinder hat und zwar schon seit den 1950er oder -60er-Jahren."
Wenn wir also sehen, die Norm, das sind mehrere Kinder, dann kann das dieses Mangelgefühl von Einzelkindern verstärken. "Es ist ja auch in der Gesellschaft alles auf zwei Kinder ausgerichtet. Insofern gilt man mit einem Kind ein bisschen als Abweichler", so Kerstin Ruckdeschel.
"Im Osten ist es so, dass Ein-Kind-Familien häufiger sind – und dann natürlich auch als normaler wahrgenommen werden."
Tatsächlich unterscheiden sich hier Ost- und Westdeutschland. Im Osten sind Ein-Kind-Familien häufiger – und somit auch normaler – als im Westen. Die Soziologin erklärt es mit der mangelnden Vereinbarkeit von Beruf und Familie im Westen: "Wenn man sich dann besonders als Frau für Kinder entschieden hat, dann war es letztendlich so, dass die Investition sich auch lohnen sollte und dass man dann auch mehr als ein Kind bekommen hat. Das prägt immer noch die Normalitätsvorstellungen."
Einzelkind – Vorteil oder Mangelgefühl?
Manche Einzelkinder fühlen sich so richtig wohl in ihrer Rolle und genießen es, dass sie weder die Aufmerksamkeit noch andere Dinge mit Geschwistern teilen müssen. Andere hingegen fühlen sich nicht genug oder haben ein Defizitgefühl. Woran das liegen könnte, sagt Anna Hofer, Familienberaterin – auch für Eltern von Einzelkindern.
Sie sieht verschiedene Erklärungsmöglichkeiten: "Das eine kann sein, dass Einzelkinder, die mit dem Gefühl groß werden, dass sie tatsächlich genug waren, also wo auch Geschwister zum Beispiel gar kein Thema waren, dass die nicht das Gefühl haben, dass ihnen irgendetwas fehlt."
Umgekehrt gebe es aber auch Familien, die eigentlich mehrere Kinder geplant hatten. "Und das hat dann aus unterschiedlichen Gründen nicht funktioniert und je nachdem, wie mit dieser Tatsache umgegangen wurde, kann das natürlich auch dazu führen, dass man selbst einen defizitären Blick auf sich selbst und sein Leben als Einzelkind hat", sagt die Familienberaterin.
"Ich halte überhaupt nichts davon, diese Gefühle tatsächlich wegzudrücken."
Genauso gut könne das Gefühl des Mangels aber auch von alleine auftauchen, einfach weil sich jemand sehr stark mit einem Geschwister-Wunsch beschäftigt.
Egal, was der Grund dafür ist, Anna Hofer findet es wichtig, die eigenen Gefühle zu zulassen. Und sie rät, sich damit zu beschäftigen, was wir in diesem Fall konkret vermissen. "Wenn wir zum Beispiel das Gefühl haben, alleine verantwortlich zu sein in einer Situation und uns damit überfordert fühlen, dann kann natürlich dieser Wunsch nach einem Menschen, der sozusagen im gleichen Boot sitzt, und bei Geschwistern wäre das ja der Fall, dazu führen, dass wir sagen, wir vermissen ein Geschwister", so Anna Hofer.
Insgesamt rät sie, eher lösungsorientiert mit diesem Wunsch umzugehen: "Dass man nicht so sehr auf dem Gedanken bleibt, es wäre jetzt besser, ein Geschwister zu haben, sondern vielmehr lösungsorientiert zu schauen, welche Menschen habe ich denn tatsächlich in meinem Umfeld, mit denen ich diese Gedanken teilen kann."
Bei Helena ist es so: Sie hat eine Freundin, die ebenfalls Einzelkind ist. Mit der könne sie sich gut austauschen, wenn zum Beispiel mal was mit den Eltern sei.
Und außerdem hat sie eine Nachbarin, die ungefähr vier Jahre jünger ist und die sie schon seit der Kindheit kennt. Die beiden sehen sich fast täglich. "Wir sind sehr, sehr eng miteinander. Aber natürlich weiß ich nicht, inwiefern sich das mit der Beziehung zwischen Geschwistern vergleichen lässt. Weil das was ist, was ich nie in meinem Leben fühlen werde. Aber ich stelle es mir teilweise dann so schön vor, wie es halt mit dieser Freundin von mir ist", sagt Helena.
Meldet euch!
Ihr könnt das Team von Facts & Feelings über Whatsapp erreichen.
Uns interessiert: Was beschäftigt euch? Habt ihr ein Thema, über das wir unbedingt in der Sendung und im Podcast sprechen sollen?
Schickt uns eine Sprachnachricht oder schreibt uns per 0160-91360852 oder an factsundfeelings@deutschlandradio.de.
Wichtig: Wenn ihr diese Nummer speichert und uns eine Nachricht schickt, akzeptiert ihr unsere Regeln zum Datenschutz und bei Whatsapp die Datenschutzrichtlinien von Whatsapp.
