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Gehöre ich wirklich in diese Vorlesung? Medizinstudentin Chantal ist sich oft unsicher, obwohl alles dafür spricht. Bei erfolgreichen Menschen kann es mitunter vorkommen, dass sie sich selbst ihrer Erfolge nicht bewusst sind, sagt eine Medizinerin.

Abi gut bestanden und die Zulassung fürs Medizinstudium in der Tasche – bei Chantal läuft es eigentlich. Doch besonders zu Beginn ihres Studiums hat sie das Gefühl, dass die anderen mehr wissen als sie. Sie hat immer wieder den Eindruck, sie hätte sich ihren Platz im Vorlesungssaal nicht ganz verdient. Und lange Zeit hat sie das Gefühl, sie tue nur so, als gehöre sie dazu, tue das aber nicht wirklich.

"Ich habe oft das Gefühl: Hilfe, die anderen wissen so viel mehr als ich!"
Chantal, studiert Medizin und fühlt sich häufig wie eine Hochstaplerin

Was Chantal fühlt, sind typische Anzeichen für das sogenannte Imposter-Syndrom, auch Impostor- oder Hochstapler-Syndrom genannt. Denn von außen betrachtet bringt sie alle Voraussetzungen mit, genau an dem Punkt zu stehen, an dem sie sich in ihrem Leben befindet. Chantal hält aber meist Glück und Zufall für ausschlaggebender, nicht ihr Können.

"Ich habe natürlich ein bisschen Angst, dass ich auffliege. Dass ich dann nichts weiß oder nichts sagen kann. Und dass vielleicht die anderen dann denken: Okay, warum weiß sie das jetzt nicht?"
Chantal, spürt Druck durch das Imposter-Syndrom
Chantal - Protagonisitin, die während des Studiums oft am Imposter-Syndrom leidet, sitzt auf einer Couch und blickt in die Kamera.
© Victoria Hornung
Chantal hat das Gefühl, eine Hochstaplerin zu sein, obwohl sie gute Leistung bringt.

Das Imposter-Phänomen ist weder eine Krankheit noch eine Störung. Der Begriff beschreibt das Gefühl, nicht so kompetent wie andere zu sein, oder im Extremfall, sich für völlig inkompetent zu halten. Chantal hat Glück im Unglück: Sie kann sich mit Freund*innen und Kommilition*innen über ihre Gefühle austauschen.

Sie stellt fest, dass viele ihrer Mit-Studierenden sich selbst eher überschätzen, erzählt sie. Inzwischen ist Chantal Anfang 20 und im siebten Semester – mit der Zeit glaubt sie immer mehr daran, dass sie zu Recht im Vorlesungsaal sitzt.

"Lange Zeit dachte man, dass es beim Imposter-Syndrom einen Geschlechtereffekt gibt. Mittlerweile wissen wir aus unseren Studien, dass sich keine Geschlechtseffekte zeigen."
Kay Brauer, Psychologe

Kay Brauer ist Psychologe an der Universität Halle-Wittenberg und forscht zum Imposter-Phänomen. Ein Gesellschaft oder Kultur, die Fehler verurteilt und harsch damit umgeht, kann dazu beitragen, dass Menschen solche Gefühle entwickeln, sagt er. Der Forscher vermutet, dass ein sanfterer Umgang mit Fehlern eine dämpfenden Effekt auf das Imposter-Syndrom haben könnte.

Strategien gegen Imposter-Gefühle

Oft passt sich unsere Wahrnehmung an unsere Glaubenssätze an, sagt Michaela Muthig, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie. Bedeutet: Wenn wir von Kindheit an glauben, nicht gut genug zu sein oder uns das sogar andere explizit sagen, dann fällt es uns schwerer, uns vom Gegenteil überzeugen zu lassen.

Beispiel: Jemand sagt einer Person, dass sie etwas gut gemacht hat. Hat die Person, die gelobt wird, Imposter-Gefühle, denkt sie automatisch, dass der oder die Lobende sich irren muss oder sogar lügt.

Denn inneren Imposter in Schach halten

Die Medizinerin geht davon aus, dass uns solche Gefühle ein Leben lang begleiten. Es sei entscheidend, die Gedanken, die beim Imposter-Syndrom immer wieder aufkommen, gut im Griff zu haben und abzufangen, wenn "der kleine Imposter" in uns mal wieder zu uns spricht.

Chantal hat dafür einen eigenen Weg gefunden: Wenn sie mal wieder an sich zweifelt, erinnert sie sich bewusst zum Beispiel an Momente, in denen etwas gut geklappt hat. Das hilft ihr dann.

"Das Imposter-Syndrom ist ein Phänomen, das viele Menschen betrifft. Auch solche, die sehr erfolgreich sind, denken immer noch, sie sind nicht gut genug."
Michaela Muthig, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie

Man könnte annehmen, dass das Imposter-Phänomen eine Hürde für Erfolg ist. Das muss aber nicht so sein, sagt Michaela Muthig: Oft strengten sich Menschen mit dem Imposter-Syndrom mehr an und – das werde auch wahrgenommen und honoriert.

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Shownotes
Imposter-Syndrom
Wie lernen wir, unsere Erfolge zu feiern?
vom 20. März 2026
Gesprächspartnerin: 
Chantal, studiert Medizin und fühlt sich häufig wie eine Hochstaplerin
Gesprächspartner: 
Kay Brauer, Psychologe an der Universität Halle-Wittenberg, forscht unter anderem zum Imposter-Syndrom
Gesprächspartnerin: 
Michaela Muthig, Fachärztin für Allgemeinmedizin und Psychosomatik mit Schwerpunkt Verhaltenstherapie und Autorin, coacht Menschen mit Imposter-Syndrom
Autorin: 
Shalin Rogall
Redaktion: 
Ivy Nortey, Jana Niehof, Milan Procyk, Anton Stanislawski, Friederike Seeger
Produktion: 
Christiane Neumann