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Die Tibetkonvention war das Manifest der britischen Herrschaft über Tibet – ökonomisch und militärisch. China stimmte 1906 zu. Und Tibet, das Herrschaftsobjekt? Nach seiner militärischen Niederlage wurde das Land noch nicht einmal gefragt.

Das Verhältnis zwischen China und Tibet ist seit vielen Jahrhunderten von Konflikten geprägt. Während der Tang-Dynastie, zwischen 600 und 900, nutzen Tibeter und Uiguren eine innenpolitische Schwäche Chinas und mischen sich in die inneren Angelegenheiten des Nachbarn ein.

641 wird die chinesische Prinzessin Wen Cheng an den tibetischen Königshof verheiratet. Sie soll als Botschafterin ihres Landes die Tibeter davon abhalten, China zu überfallen. Heute wird diese Heirat mitunter von chinesischer Seite herangezogen, um die historische Abhängigkeit Tibets von China zu beweisen.

Tibet als Herrschaftsobjekt

Tibetische Historiker sehen es anders: Viele Frauen hätten sich zu dieser Zeit am Hof des tibetischen Königs aufgehalten und seien ihm zu Diensten gewesen. Wen Cheng sei also nur eine unter vielen gewesen und somit nicht besonders bedeutend.

"Seinerzeit wurde eine Prinzessin der chinesischen Tang-Dynastie nach Tibet verheiratet. Das hatte natürlich nichts mit Liebe zu tun, sondern mit Politik."
Dr. Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte

Im 13. Jahrhundert geraten beide Länder gemeinsam mit der umliegenden Region unter die Herrschaft der Mongolen, die bis 1368 andauert. Anschließend kommt in China die Ming Dynastie an die Macht, sie übt aber keinen so prägenden Einfluss aus wie zuvor die Herrscher der Mongolen.

In Tibet wird vom mongolischen Fürsten Altan Khan 1578 das erste Mal der Titel "Dalai Lama" verliehen. Mittlerweile amtiert der 14. Dalai Lama in seinem Exil im indischen Dharamsala.

Die Tibetkonvention von 1906

Die britisch-chinesische Tibetkonvention von 1906 war ein Folgeabkommen zur Konvention von Lhasa von 1904. Damals hatte eine britische Militärexpedition Tibet nach schweren Kämpfen zur Öffnung für britischen Handel gezwungen. Zwei Jahre später verhandelten Großbritannien und China darüber – Tibet selbst saß nicht mit am Tisch.

In dem Abkommen verpflichtete sich Großbritannien, tibetisches Gebiet nicht zu annektieren und sich nicht in die Verwaltung Tibets einzumischen. Gleichzeitig erkannte Großbritannien damit Chinas Vorrangstellung in Tibet an. Für Tibet bedeutete das: Über seine politische Zukunft wurde erneut von außen entschieden.

"Großbritannien garantiert China mit diesem Abkommen, sich aus Tibet rauszuhalten und macht den Weg frei für die Vorherrschaft Chinas über Tibet."
Nadine Kreuzahler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin, über die Tibetkonvention

Die Konvention stärkte also nicht die Eigenständigkeit Tibets, sondern verschob den Einfluss: Großbritannien zog sich formal zurück, China bekam außenpolitisch Rückenwind für seinen Anspruch auf Tibet. Chinaexperte Thomas Weyrauch ordnet den Vertrag als Teil einer längeren Geschichte ein, in der Tibet immer wieder Objekt fremder Interessen war – zwischen China, Großbritannien, Russland und anderen Mächten.

Tibet als Teil Chinas

Nach Gründung der Volksrepublik China Anfang Oktober 1949 erhebt China den Anspruch auf Tibet als Teil des chinesischen Mutterlandes. Am 23. Mai 1951 wird in einem 17-Punkte-Abkommen die Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China per Vertrag besiegelt.

"Natürlich waren die Tibeter empört. Die waren schon 1890 empört, als man einen Teil Tibets abgetrennt hatte."
Thomas Weyrauch, Chinaexperte

Seitdem ist Tibet offiziell Teil der Volksrepublik China und seitdem gibt es immer wieder Spannungen, die sich in Aufständen und Unruhen ausdrücken. Während des Tibet-Aufstands sterben 1959 einige Tausend Tibeter, der Dalai Lama muss das Land verlassen und geht ins indische Exil. Von dort amtiert er seither als oberster buddhistischer Lehrer und wird von der tibetischen Exilregierung, die ebenfalls von Indien aus agiert, als Staatsoberhaupt anerkannt.

Ihr hört in Eine Stunde History:

  • Der China-Experte Thomas Weyrauch erläutert die Folgen der Konvention von 1906 für Tibet.
  • Die Zentralasienwissenschaftlerin Karénina Kollmar-Paulenz
    beschäftigt sich mit dem komplizierten Verhältnis zwischen China und Tibet.
  • Die Sinologin Ute Wallenböck erklärt das Verhältnis des exilierten Dalai Lama zu China und den Menschen in Tibet.
  • Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld blickt zurück auf die Anfänge der Beziehungen zwischen Tibet und China.
  • Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Nadine Kreuzahler beleuchtet die Rolle Großbritanniens zum Beginn des 20. Jahrhundert in Tibet und China.

Unser Bild zeigt die Flucht des Dalai Lama vor britischen Truppen ins indische Exil im Jahr 1904.

Shownotes
Konflikt um Tibet
Die britisch-chinesische Tibetkonvention von 1906
vom 24. April 2026
Moderation: 
Steffi Orbach
Gesprächspartner: 
Dr. Matthias von Hellfeld, Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte
Gesprächspartnerin: 
Nadine Kreuzahler, Deutschlandfunk-Nova-Reporterin
Gesprächspartner: 
Thomas Weyrauch, Chinaexperte
Gesprächspartner: 
Karénina Kollmar-Paulenz, Zentralasienwissenschaftlerin
Gesprächspartner: 
Ute Wallenböck, Sinologin
  • Nadine Kreuzahler beleuchtet die Rolle Großbritanniens am Beginn des 20. Jahrhundert in Tibet und China
  • Chinaexperte Thomas Weyrauch erläutert die Folgen der Konvention von 1906 für Tibet
  • Zentralasienwissenschaftlerin Karénina Kollmar-Paulenz beschäftigt sich mit dem komplizierten Verhältnis zwischen China und Tibet
  • Sinologin Ute Wallenböck erklärt das Verhältnis des exilierten Dalai Lama zu China und den Menschen in Tibet