Guter Abschluss, sicherer Job, Familie – von außen kann alles stimmen und sich innen trotzdem falsch anfühlen. Warum äußere Faktoren allein nicht glücklich machen, wie Erwartungen unser Leben prägen und weshalb manche Menschen alles umkrempeln.

Viele Menschen arbeiten jahrelang auf genau das Leben hin, das als erfolgreich gilt: guter Schulabschluss, Studium, sicherer Job, vielleicht irgendwann Familie und finanzielle Stabilität. Und trotzdem bleibt bei manchen irgendwann das Gefühl: Eigentlich müsste ich glücklich sein – bin ich aber nicht. Für den Psychiater und Psychotherapeuten Bastian Willenborg ist das ein Konflikt, den er in seiner Praxis häufig erlebt.

Oft würden Menschen ihr Leben stark an äußeren Erwartungen ausrichten. Dabei gehe es weniger um eine bewusste Checkliste, sondern um Vorstellungen, die von Familie, Gesellschaft oder sozialen Medien geprägt werden. Viele übernähmen diese Ziele, ohne wirklich zu prüfen, ob sie zu den eigenen Bedürfnissen passen.

"Wenn es sich außen stimmig anfühlt – Haus, Auto, Frau, Kind, Job und Pipapo – dann muss das nicht zwingend mit dem inneren Erleben und den Bedürfnissen zu tun haben."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Willenborg erklärt, dass genau aus dieser Spannung häufig Unzufriedenheit entsteht: Außen scheint alles zu passen, innerlich fühlt es sich trotzdem falsch an. Besonders schwierig werde das, wenn Menschen nie gelernt hätten, die eigenen Wünsche überhaupt wahrzunehmen.

Wenn Leistung zum Selbstwert wird

Gerade bei depressiven Patientinnen und Patienten erlebe er oft diesen Widerspruch. Viele hätten stabile Lebensumstände, seien finanziell abgesichert und körperlich gesund – und fühlten sich trotzdem leer oder freudlos.

"Die Freude ist aus meinem Leben verschwunden."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie, zitiert Menschen, die zu ihm kommen

Gute äußere Rahmenbedingungen könnten zwar entlasten, würden aber nicht vor psychischen Erkrankungen schützen. Gleichzeitig entstehe zusätzlicher Druck, weil Betroffene von außen oft hören: "Du hast doch alles."

Besonders häufig treffe das laut Willenborg Menschen, die ihren Selbstwert stark an Leistung koppeln. Wer gelernt habe, nur über Erfolge Anerkennung zu bekommen, entwickle schnell das Gefühl, ständig funktionieren zu müssen.

"Leistung ist das, was mich definiert. Ich bin nur was wert, wenn ich das Einser-Abitur habe oder der Beste bin, dann fehlt sozusagen die Wertigkeit außerhalb von Leistung."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Genau dieses Denken könne langfristig erschöpfen. Vielen falle es schwer zu akzeptieren, dass sie auch ohne Leistung wertvoll seien.

Warum manche alles verändern

In seiner Praxis habe er auch erlebt, dass Menschen irgendwann radikale Entscheidungen treffen. Willenborg erzählt von einer verbeamteten Patientin, die sich trotz finanzieller Sicherheit dauerhaft unglücklich fühlte. Später eröffnete sie ein Café – mit deutlich weniger Einkommen, aber mehr Zufriedenheit. "Und sie war quasi nicht mehr depressiv im Anschluss nach dieser lebensverändernden Entscheidung", sagt Bastian Willenborg.

"Sie war super glücklich damit, hat zwar deutlich weniger Geld verdient, aber fand das richtig gut und hat sich frei gefühlt."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Wichtig sei aber: Wer gerade schwer depressiv ist, sollte keine lebensverändernden Entscheidungen treffen. Erst müsse die Depression therapeutisch behandelt werden – danach könne man klarer entscheiden, ob und was sich im Leben verändern soll.

Ein erster Schritt könne sein, wieder Dinge ohne Leistungsdruck auszuprobieren: spazieren gehen, alleine verreisen oder einfach etwas tun, das keinen direkten Nutzen erfüllen muss.

"Das können ganz einfache Dinge sein, sowas wie einfach mal spazieren zu gehen – ohne Leistungsdruck. Zuzulassen, einfach nur mal die Natur zu genießen."
Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie

Für Willenborg beginnt Veränderung oft genau dort: nicht sofort alles hinzuwerfen, sondern erst einmal wieder herauszufinden, was sich wirklich nach dem eigenen Leben anfühlt.

  • Nik Potthoff
  • Bastian Willenborg, Facharzt für psychosomatische Medizin, Psychiatrie und Psychotherapie