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Nach dem Tod ihrer besten Freundin läuft Josephine wortwörtlich vor der Realität weg. In "Meine fremde Freundin" erzählt Jenny Bünnig, warum Josephine lieber in fremden Gärten zeltet, statt die Antworten auf die Fragen um Inkens Tod zu akzeptieren.

Josephine läuft. Bepackt mit ihrem Rucksack und einem alten Zelt begibt sie sich ziellos auf eine Wanderung. Es kommt ihr nicht darauf an, wohin sie geht, sondern vielmehr darum, in Bewegung zu bleiben. Denn Josephine läuft weg vor dem, was sie schon längst weiß. Es geht um die Freundschaft zu Inken. Die beiden sind seit dem Sandkasten beste Freundinnen, wie Schwestern, doch jetzt ist Inken tot.

"Wenn Inken das Licht war, dann war Josephine die Dunkelheit. Das war schon immer so."
Lydia Herms über "Meine fremde Freundin"

Also läuft Josephine. Ohne Vorbereitungen und in schlecht sitzenden Turnschuhen kommt sie jeden Tag an einem anderen Ort an. Abend für Abend klingelt sie an die Türen fremder Menschen, um sie nach einem Schlafplatz zu bitten – sie fragt die Fremden nach irgendeiner Ecke in ihren Gärten, wo sie ihr Ein-Mann-Zelt aufschlagen kann. In einem Raum mit echten Wänden zu schlafen macht Josephine Angst. Genauso wie die Dunkelheit, Fragen, Antworten, das Losgehen und auch das Ankommen.

"Wichtig sind allein die Schritte, die sie zählt, und die Zeit, die dabei vergeht. Wichtig sind auch der Schmerz, den die Blasen an ihren Füßen verursachen, und die Erinnerungen, die sie beim Laufen zusammenträgt."
Lydia Herms über "Meine fremde Freundin"

Trotzdem überwindet Josephine sich jeden Tag erneut und geht weiter. Beim Laufen erinnert sie sich an ihre beste Freundin. Inken war wie die Sonne, alle Menschen mochten sie.

In ihrem Leben schien alles glatt zu laufen, sie hatte das Gutgehen perfektioniert. Ihre Adoptiveltern hatten zwar hohe Erwartungen an sie, unterstützen Inken aber auch bei vielem - üppiges Taschengeld und Urlaubsreisen inklusive. Niemals hätte Josephine gedacht, dass Inken nicht mehr weitermachen kann.

Weglaufen, um zu vergessen

In ihrem Roman "Meine fremde Freundin" erzählt Jenny Bünnig die Geschichte von Josephines Wanderung. Sie skizziert die Beziehung von zwei Freundinnen, ihren Familien und dem Gefühl, einen Menschen nicht so gut zu kennen wie gedacht.

Das Buch: "Meine fremde Freundin" von Jenny Bünnig, Arche Verlag, 169 Seiten, Erscheinungstag: 13. März 2020.

Die Autorin:
Jenny Bünnig lebt und arbeitet im Ruhrgebiet, wo sie 1984 geboren wurde. Nach ihrem Studium der Literaturwissenschaften und Kunstgeschichte hat sie über melancholische Zeit- und Raumerfahrung in Literatur, Kunst und Film promoviert. 2013 erhielt sie den dritten Moerser Literaturpreis.