So wie vieles verändert sich auch die Popmusik ständig. Zunehmend entfernen sich erfolgreiche Popsongs von dem klassischen Aufbau und passen ihre Struktur Social-Media-Plattformen wie TikTok an.

Ein klassischer Popsong hat eine klare Struktur: Auf das langsame Intro folgt die Strophe, dann kommt der Pre-Chorus und den Höhepunkt des Songs bildet der Refrain. "Oops I did it again" von Briteny Spears folgt diesem Schema zum Beispiel.

Die Charterfolge der vergangenen zwei Jahre zeigen aber, wie diese klassische Struktur des Popsongs verschwindet. Wenn Songwriterin Tamara Olorga heute ein Stück für Musiker und Künstlerinnen wie Wincent Weiß, Josh oder Lea schreibt, geht es ihr nicht mehr darum, den passenden Chorus oder den Refrain zu finden, sondern um die Hook.

Ein Song bestehend aus Hooks

Eine Hook ist ein kurzer Ausschnitt des Songs, der so eingängig ist, dass er die Hörerinnen und Hörer direkt packt. Das wusste man auch schon früher.

Heute ist die Hook allerdings wichtiger und damit präsenter geworden, weil viele Musik über Playlists bei Streamingdiensten hören. Damit sie den Song weiter anhören, statt ihn nach wenigen Sekunden wegzuklicken, soll sie die Hook sofort überzeugen und im Ohr bleiben.

Einprägsam muss es sein

Aktuelle Popsongs setzen ihre Höhepunkte also direkt an den Anfang und arbeiten nicht langsam darauf hin. Das wiederum verändert die Struktur: Aus Intro, Strophe, Per-Chorus und Refrain wird Hook hinter Hook, erklärt Musikwissenschaftler Holger Schulze von der Universität in Kopenhagen.

Weil der Refrain nicht mehr das Zentrum des Popsongs ist, bliebe auch die große Entwicklung innerhalb des Songs aus – so wie in "Drivers License" von Olivia Rodrigo. Nachdem sich das Lied immer weiter steigert, setzt nach einer kleinen Unterbrechung im Song einfach eine neue Hook ein. Der Refrain fällt weg.

"Hook after Hook after Hook. Also sprich: Es gibt nicht wirklich eine große Entwicklung in dem Song."
Holger Schulze, Musikwissenschaftler an der Universität Kopenhagen

Auf TikTok scheint diese neue Struktur zu gefallen, weil sie den Videos der Plattform nutzt. An der Stelle, wo die neue Hook einsetzt, können Userinnen und User einen neuen Style vor der Kamera präsentieren: Kamera aus, umziehen und anders schminken, Kamera wieder an und plötzlich sieht alles anders aus. Mit dem passenden Popsong geht die TikTok-Challange dann um die Welt.

Auch Songwriterin Tamara Olorga überlegt mittlerweile, wie sie ein Lied aufbauen kann, damit Userinnen und User auf TikTok ein Video dazu drehen. Ist der Song dort einmal bekannt, wird er bei den Streamingdiensten geklickt und läuft später im Radio.

Neue Struktur passt zu TikTok

Der US-amerikanische Podcast "Switched on Pop" hat dem Refrain deshalb auch schon sein Ende zugeschrieben. Für Musikwissenschaftler Holger Schulze bedeutet die neue Popstruktur hingegen nicht das Ende des Refrains, sondern der Strophe. Die Hook funktioniere wie ein Refrain, der noch besser und einfacher im Ohr bleibt.

"Es ist im Grunde das Ende der Strophe, weil gewissermaßen alles nur noch Refrain ist. Alles ist hyper-erinnerbar und unglaublich markant."
Holger Schulze, Musikwissenschaftler an der Universität Kopenhagen

Popsongs, die der immer gleichen Struktur folgen, scheinen also nicht mehr zum Social-Media-Zeitalter zu passen. Für die Popwelt bedeutet das auch, sie hat mehr Freiheit.