Kati Krause hat sich eine Zeit lang aus den sozialen Netzwerken verabschiedet. Weil sie Facebook und Co während ihrer Depression noch einsamer gemacht haben. So paradox es klingt: die digitale Einsamkeit hat ihr am Ende geholfen.

Für viele von uns gehören soziale Netzwerke zum Alltag dazu. Wir gehen durchs Leben, posten hier ein Foto, kommentieren da einen Link, erzählen Ereignisse in 140 Zeichen auf Twitter. Und ja, wir freuen uns, wenn wir dafür mit Herzchen und Daumen hoch überschüttet werden. Alles kein Problem, solange unsere Psyche stabil ist.

Für Menschen mit Depressionen ist das anders. Und wir meinen nicht eine Phase, in der wir mal schlecht drauf sind. Sondern richtige Depressionen. Zeiten, in denen uns die Kraft fehlt überhaupt das Bett zu verlassen. In denen lachen weh tut und sich unser Leben anfühlt, wie eine einzige große Wunde. Bei Kati Krause begannen die Depressionen im Oktober 2014. Oder besser gesagt die Phase in der sie gemerkt hat, dass mit ihr etwas nicht stimmt.

"Mit einer Depression ist man total platt. Man kann überhaupt nichts machen. Man liegt katatonisch zu Hause rum viel und da kann man immer schon zwischen Facebook, Instagram, Twitter hin und her flippen."
Kati Krause über den Beginn ihrer Depression

Ein Gefühl wie auf Droge

Selber etwas posten konnte Kati Krause zu diesem Zeitpunkt nicht mehr. Was soll man auch posten, wenn man zu Hause im Bett liegt und sich nicht rühren kann? Wenn im eigenen Leben nichts mehr passiert, was irgendwie zur Selbstdarstellung taugt? Und vor allem: wenn die eigene Konzentrationsspanne auf ein Minimum zusammenschrumpft?

"Es scheint ein weit verbreitetes Symptom zu sein, dass man sich nicht konzentrieren kann. Ich konnte nicht lesen, ich konnte nicht mal Filme anschauen. Die Aufmerksamkeitsspanne hat nichts mehr in der Hinsicht zugelassen."
Kati Krause über ihre Depression

Vor ihrer Depression hat Kati Krause die sozialen Netzwerke wie jeder andere Mensch genutzt. Sie hatte keinerlei Probleme und konnte genug aus ihrem eigenen Leben erzählen. Sie hat mit guten und nicht so guten Bekannten gechattet. Aber während ihrer Depression registriert sie irgendwann, dass sich etwas verändert hat in ihrem Verhalten. Plötzlich nutzt sie die sozialen Netzwerke wie eine Droge. Jeder neue Post, jedes neue Bild lösen bei ihr ein kurzes High aus, das sofort danach wieder von einem tiefen Loch aufgefressen ist. So stellt sie sich Crack rauchen vor, sagt sie im Interview mit Paulus Müller.

"Ich hatte dieses High, es war wie so eine Welle der Wärme. Und dann war diese Wärme weg und es blieb nur Leere und ein ganz, ganz furchtbares, so giftiges Gefühl zurück. Ein ganz schlimmes, einsames und sehr ungesundes Gefühl."
Kati Krause beschreibt, was sich für sie verändert hat

In einem kurzen Moment der Klarheit beschließt sie, alle Apps von sozialen Netzwerken von ihrem Handy zu löschen. Es ist ein kurzer Schmerz, so als würde man ruckartig ein Pflaster von einer behaarten Stelle abreißen. Dann ist sie erleichtert. Sie hat es geschafft. Sie hat den Teufelskreis durchbrochen. Statt digitaler Kontakte beschränkt sie sich auf wenige, dafür aber reale Begegnungen. Theoretisch hat sie dadurch weniger Kontakte, aber genau das ist heilsam für sie.

"Social Media ist im Endeffekt Stress. Es ist kein Escapismus. Weil dein eigenes Leben gerade richtig mies ist. Weil niemand was Schlechtes aus seinem Leben postet. Du siehst nur die ganzen schönen Dinge der anderen."
Kati Krause über die Wirkungen von Social Media auf depressive Menschen

Sie erholt sich und kehrt irgendwann zurück in die digitale Welt. Und eine Zeit lang geht auch alles gut. Sie nutzt Facebook, Instagram und Twitter wieder so als wäre nie etwas passiert. Dann kommen die Depressionen zurück und mit ihnen das ungesunde Nutzungsverhalten. Sie verabschiedet sich erneut aus den sozialen Netzwerken und beginnt stattdessen zu recherchieren. Wie viele Menschen sind davon betroffen? Was passiert in meinem Gehirn, wenn ich soziale Netzwerke nutze? Und wie hängt das mit Depressionen zusammen?

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