Weinend, öffentlich die eigene Trauer rauszulassen, kann ein schönes Gefühl sein, findet Jonas und spricht aus Erfahrung. Sozialpsychologe Michael Barthelmäs beschreibt die Systematik dahinter.

Weinende Menschen sind schon eine Seltenheit – jedenfalls in der Öffentlichkeit. Jonas muss manchmal einfach weinen und will die Tränen dann nicht zurückhalten.

Zuletzt ist es dem Vermessungstechniker auf dem Rückweg von der Arbeit passiert. Eine Person hat ihn irritiert, die nicht auf dem Fußweg unterwegs war. Jonas dachte: "Der funktioniert nicht so, wie alles sonst funktioniert." Dann wurde ihm klar, dass diese Person sich nur um einen überfahrenen Igel kümmern wollte. Jonas hat also quasi Freudentränen vergossen.

"Dieser ganze Mantel, der alles Emotionale abschirmt, hat angefangen zu bröseln und ich habe gemerkt, dass das der einzige Mensch ist, der richtig mit Vernunft und Respekt handelt."
Jonas über seine jüngsten öffentlichen Tränen

Jonas hat diese Erklärung für das Verhalten des anderen und seine ursprüngliche Irritation darüber plötzlich zum Weinen gebracht. Eigentlich findet er, dass es normaler sein sollte, Tränen und offen Emotionen zu zeigen. Jonas sagt: "Es wäre absolut erstrebenswert für unsere Gesellschaft, dass Tränen und Emotionen öffentlich mehr gezeigt werden können."

Jonas findet, dass Weinen zum Leben dazugehört

Die Idee, dass Weinen eine Schwäche sei, findet er problematisch. Sie kommt für Jonas klar aus der Arbeitswelt. Diese Abschätzigkeit trage dazu bei, das Weinen aus der Öffentlichkeit zu verdrängen.

"Es ist ein schönes Gefühl, Trauer rauslassen zu können."
Jonas, wünscht sich, öffentliches Weinen wäre normaler

Das bedeutet nicht, dass Jonas das Weinen an sich verklärt. Ihm selbst haben die eigenen Tränen vor Längerem eine depressive Episode angekündigt. Rückblickend sagt er, dass er in seiner Familie einen offenen Umgang mit Emotionen genossen hat.

"Weinen war das Stoppsignal, was mich zum Nachdenken angeregt und dazu geführt hat, dass ich mich langfristig selber wieder besser wahrnehmen konnte."
Jonas, über Weinen als Warnsignal

Die Wissenschaft der Tränen

Ein Gefühl der Erleichterung bei der weinenden Person und eine Auswirkung auf Beobachtende, diese beiden Aspekte sind für Michael Barthelmäs das wissenschaftlich Interessante an den Tränen.

Er arbeitet als Sozialpsychologe an der Universität Ulm und ist zugleich Psychotherapeut. Im Zusammenhang mit dieser Auswirkung des Weinens spricht er von einer dazugehörigen sozialen Idee. Weinen könne zum Beispiel eine Hilfeintention auslösen.

Charakter und Neigung zum Weinen

Er grenzt das Weinen im Zusammenhang von Medienkonsum von anderen Arten ab, weil sich Menschen dieser Situation freiwillig aussetzen – anders als bei einer Trennung, bei Überforderung im Job oder anderen Lebenssituationen.

Auch Introvertiertheits- und Extrovertiertheitsgrad nehmen Einfluss auf das Weinverhalten. Extrovertiertere Menschen weinen eher etwas weniger häufig, fühlen sich dann aber erleichterter, wenn sie es tun.

"Extrovertiertere weinen ein Stück weit weniger häufig. Wenn sie es tun, dann scheinen sie eher davon zu profitieren."
Michael Barthelmäs, Sozialpsychologe, Universität Ulm und Psychotherapeut

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In diesem Beitrag enthaltene Kapitel:
  • Jonas findet, dass Weinen zum Leben dazugehört
  • Elea kann durchs Weinen Gefühle rauslassen
  • Jasper kommen bei guter Musik die Tränen
  • Michael Barthelmäs, Sozialpsychologe, Universität Ulm
  • Ab 21
  • Moderatorin:  Shalin Rogall
  • Gesprächspartner:  Jonas, wünscht sich, öffentliches Weinen wäre normaler
  • Gesprächspartner:  Michael Barthelmäs, Sozialpsychologe, Universität Ulm und Psychotherapeut