Als Kind ist Christa jedes Jahr in die DDR gereist. Bei einem dieser Besuche wird die heute 73-jährige zu einem langweiligen Date verdonnert. Um sich abzulenken, spricht sie kurzerhand ein anderes Paar an: vom Beginn einer langen Freundschaft und einem erfüllten Traum.

Christa fährt im Alter von 13 Jahren schon alleine in die DDR. Mit dem Zug. Ihre Familie kommt aus dem nordhessischen Eschwege, doch hat Verwandte in Karl-Marx-Stadt, dem heutigen Chemnitz. Christa fährt jedes Jahr dorthin. Von den strengen Kontrollen lässt sie sich nicht abschrecken: Nach dem Tod ihres Wellensittichs, schmuggelt sie aus dem Osten einfach einen neuen rüber. Als die Kontrolleure kommen, ist der Vogel ruhig – genau wie Christa. Sie sagt, im mit Luftlöchern gespickten Karton seien Schuhe und kommt damit durch. Ihre Mutter ist von der Aktion erst wenig begeistert – und tauft den Vogel dann "Ulbricht" – nach dem DDR-Politiker Walter Ulbricht.

Christa trifft Gudrun und Peter

Die Reisen in den Osten werden für Christa zur alljährlichen Routine. Mit 16 Jahren erlebt sie dann einen besonderen Abend: Am Ostersamstag wird sie von ihrer Familie dazu gedrängt auszugehen - mit dem "etwas moppeligen" Nachbarssohn. Beide wollen nicht miteinander tanzen, der Abend verläuft schleppend, bis Christa ein Pärchen kennenlernt: Gudrun und Peter. Sie reden die ganze Nacht miteinander, erzählen sich gegenseitig ihre Lebensgeschichte, bis der Laden schließt. Sie tauschen Adressen aus. Es ist der Beginn einer langen Freundschaft.

"Die sahen putzig-interessant aus. Ich wusste gleich, irgendwie passen die zu mir. Das ist schon ulkig, ne?
Christa über ihren ersten Eindruck von Gudrun und Peter

Sie halten über Briefe Kontakt. Im Normalfall schreibt Peter. Wenn Gudrun schreibt, kann Christa es kaum entziffern. Das kommt immer dann vor, wenn "etwas mit Peters Beruf" ist. Sie sind dann vorsichtiger, schreiben aber trotzdem – an abgeänderte Adressen, so dass die Briefe sie aber dennoch erreichen.

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Christa über einem Fotoalbum mit einem Bild ihrer "Ostfreunde" Gudrun und Peter.

Es dauert zehn Jahre, bis sie sich zum ersten Mal wiedersehen. Als das passiert, müssen sie sich neu annähern. Die Freunde wissen alles übereinander – trotzdem sind sie sich ein bisschen fremd geworden. Gudrun und Peter haben inzwischen eine Familie gegründet, Christa schon mehrfach geheiratet. Doch auch da bleibt die Freundschaft bestehen. Gemeinsam träumen sie davon, sich auch mal im Westen sehen zu können. Dass die Mauer eines Tages fällt, glaubt keiner von ihnen.

Schmuggeln gegen Trabbi-Fahrten

Christa schmuggelt mal kleinere, mal größere Sachen zu ihren Freunden. Im Gegenzug fahren Gudrun und Peter sie im Trabbi durch die Gegend. Einmal bringt Christa sogar eine Heizung für das Gartenhaus ihrer Freunde mit. An der Grenze erzählt sie den Kontrolleuren, dass ihr in der Wohnung im Osten immer so kalt werde. Wie bereits beim Transport des Wellensittichs kommt sie auch damit durch.

"Er hat gesagt: 'Irgendwann komme ich!'. Wir haben damit gerechnet, aber er stand dann wirklich irgendwann völlig unerwartet vor der Tür."
Christa über den Moment, als ihr Freund Peter aus dem Osten flieht.

Im Sommer vor der Wende flüchtet Peter in den Westen, zu Christa nach Aschaffenburg. Er will Fuß fassen, eine Wohnung finden und Gudrun nachholen. Dann fällt die Mauer. Das Paar wohnt plötzlich nur noch wenige Minuten von Christa entfernt.

Christa Herwig in ihrer Wohnung in Aschaffenburg.
© Deutschlandfunk Nova
Christa Herwig in ihrer Wohnung in Aschaffenburg.

Für Christa gab es nie einen Unterschied zwischen Menschen aus der DDR und der BRD. Für sie war alles Deutschland. Doch nach der Wende habe sich das leider geändert. Plötzlich habe es eine Spaltung in den Köpfen der Menschen gegeben, denn auf einmal war alles sichtbar. Der reiche Westen hier. Der arme Osten dort. Christa erzählt, wie die Menschen im Westen oberflächlicher werden. Aber auch, als sie ein Jahr nach der Wende im Osten Urlaub macht, hört sie die Leute dort schimpfen. Sie stellt fest: Schon nach einem Jahr ist vom positiven Wendegefühl nur noch wenig übrig.

"Das frage ich mich wirklich oft: Warum ist da so viel kaputt geschlagen worden, von beiden Seiten? Weil jeder auf seinem beharrt hat. Weil jeder gesagt hat 'Ich mach das Richtige'. Das trifft man ja heute noch genau so. Jeder beharrt auf seiner Meinung. Keiner hört den anderen an. Keiner hört mal tiefer hin."
Christa Herwig über Ost und West
Dlf-Nova-Reporterinnen Tina Howard (l.) und Rahel Klein (m.) mit Christa Herwig in Aschaffenburg.
© Deutschlandfunk Nova
Dlf-Nova-Reporterinnen Tina Howard (l.) und Rahel Klein (m.) mit Christa Herwig in Aschaffenburg.

Dreißig Jahre nach dem Mauerfall zieht Christa ein gemischtes Fazit. Es gebe Momente, da funktioniere das Zusammenleben von Ost und West ganz toll – manchmal nicht. Christa glaubt, dass das auch noch lange so bleibt. Doch für sie persönlich bleibt der Fall der Mauer ein wichtiges Ereignis. Das merkt Christa auch an ihrem 70. Geburtstag. Sie lädt viele Freunde ein, erzählt Geschichten. Und merkt: Gudrun und Peter kennt sie am längsten. Seit über 50 Jahren.

Das Mauerfall-Special könnt ihr die gesamte Woche verfolgen. Vom 4. bis 9. November berichten Tina Howard und Rahel Klein hier, auf Instagram, im Grünstreifen, in Ab21 und als Podcast.