Zehntausende geraubte Kunstobjekte aus Afrika lagern in deutschen Sammlungen. Wie sollen und müssen Museen damit umgehen? Klar ist, Frankreich erhöht den Druck, denn dort geht man neue Wege. Vor allem Präsident Macron fordert einen neuen Umgang mit Raubkunst aus Afrika, sagt Jens Borchers, ARD-Korrespondent für Nordwestafrika.

Jens Borchers, unser Nordwestafrika-Korrespondent, hat in Kamerun einen Fall von Raubkunst recherchiert. In der Wirtschaftsmetropole Douala traf er Alexandre Kum'a N'dumbe, Prinz einer kleinen Volksgruppe: der Bele Bele.

Raubkunst aus Afrika

Sein Großvater hatte bei einem Aufstand in Douala gegen die deutschen Kolonialherren teilgenommen. Der Protest wurde niedergeschlagen. Die Gelegenheit nutzte der damalige deutsche Konsul, Max Buchner, und ließ Truppen in den Palast der Königsfamilie der Bele Bele eindringen. Sie suchten auch nach Kunstwerken und fanden eine große, prunkvolle Schnitzarbeit. Einen sogenannten Schiffsschnabel: Die Bele Bele befestigten diesen Holzschmuck bei Festen am Bug ihrer Kanus. Das Bild oben zeigt Raubkunst aus Benin; es sind Bronzen, deren Herkunft mittlerweile geklärt ist.

Der Enkel fordert seit 20 Jahren die Rückgabe

Buchner stahl die Schnitzarbeit und schenkte sie später einem Museum in München, dem Museum der fünf Kontinente. Alexandre Kum'a N'dumbe versucht seit fast 20 Jahren, diese Schnitzarbeit zurückzubekommen. "Und er kriegt sie nicht", sagt Jens Borchers.

Das Kunstwerk ist eines von vielen Objekten, die zu Unrecht in deutschen Sammlungen sind. Wie viele Raubkunst-Objekte insgesamt in Deutschland lagern, lässt sich schwer beziffern, sagt Jens Borchers.

"Es sind wohl Zehntausende Objekte, die in den etwa 30 ethnografischen Kunstsammlungen in Deutschland zu finden sind."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent Nordwestafrika

Dass die Zahl unklar ist, liegt auch daran, dass die Sammlungen teils nicht genau wissen, welche Objekte in ihrem Besitz sind. "Es gibt Museen, da stehen noch Kisten, die gar nicht aufgemacht worden sind", sagt Jens Borchers. Es fehle das Personal, um zu prüfen, welche Objekte aus welchen Ländern stammen - und vor allem, wie diese Objekte in die jeweilige Sammlung gelangt sind.

Aber der Druck auf die deutschen Sammlungen wird vermutlich wachsen - auch weil in Frankreich die Debatte um Raubkunst an Fahrt gewinnt. Präsident Macron machte 2017 bei einer Afrikareise zwei wichtige Aussagen:

  • Kolonialismus war ein Verbrechen an der Menschheit.
  • Die damals geraubten Kunstobjekte müssen zurückgegeben werden.

"So etwas hat noch nie ein westlicher Staatschef auf afrikanischem Boden gesagt", so Jens Borchers. Macron setzte eine Expertenkommission ein, um den Umgang mit Raubkunst zu untersuchen. Der Bericht der Kommission wird heute (23.11.) vorgestellt.

Die deutschen Museen müssen nachziehen

Aus dem Bericht wurden erste Details bekannt. Anscheinend wird darin plädiert, die Objekte zurückzugeben, sagt Jens Borchers. "Das wird natürlich auch deutsche Museen unter Druck setzen. Die Diskussion wird erheblich an Dynamik gewinnen."

Frankreich jedenfalls will seinen Umgang mit Raubkunst ändern. Bislang haben viele europäische Staaten sich auf den Standpunkt gestellt, dass die Eigentümerschaft von Raubkunst kaum zu klären sein. Ein anderes gerne vorgebrachtes Argument ist, dass sich die verschiedenen afrikanischen Staaten nicht sachgemäß um die Kunstwerke kümmern könnten. Das will Macron ändern.

"Macron hat tatsächlich eine Tür aufgestoßen, die vor ihm niemand aufgestoßen hat."
Jens Borchers, ARD-Korrespondent Nordwestafrika

Nun müssen die anderen Länder - auch Deutschland - entscheiden, ob sie dem Vorbild folgen.

Unser Titelbild zeigt Raubkunst aus Benin; es sind Bronzen, deren Herkunft mittlerweile geklärt ist.

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