Das Humboldt Forum im Berliner Schloss soll 2019 öffnen. Ethnologische Sammlungen werden gezeigt. Das Projekt scheint von einem eurozentristischen Blick auf die Welt geleitet und wirft Fragen nach unserer postkolonialen Erinnerungskultur auf. Thomas Thiemeyer will in seinem Vortrag Antworten darauf geben.

"Das Humboldt Forum ist wie Tschernobyl", sagt die renommierte Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy. Die Idee des Forums steckt in der Krise. Nicht nur, weil es in einem Fake-Hohenzollernschloss in der Mitte der Hauptstadt entsteht - schon 2019 soll es eröffnet werden. Sondern weil nicht klar ist, was da in welcher Weise gezeigt und erzählt werden soll. Irgendwas mit Globalisierung und Kolonialgeschichte?

Aber: Wie soll das umgesetzt werden? Viele der Exponate kommen aus den ethnologischen Sammlungen, die bislang in den staatlichen Museen in Berlin-Dahlem zu sehen waren. Jetzt wird die Frage gestellt, ob sie rechtmäßig in deutschem Besitz sind. Händeringend gesucht wird ein Konzept, das es ermöglicht, diese Sammlungen zu zeigen. Es gibt Streit.

"Es geht um Deutungshoheit und um die Frage, wer darf mitreden und wer darf hier in wessen Namen sprechen?

Thomas Thiemeyer, Professor der Kulturwissenschaft aus Tübingen, sagt statt Streit: Verständigungsprozesse. Seine These: Deutschland wird sich seiner Kolonialgeschichte bewusst, muss einen Umgang damit finden. Gleichzeitig wird der Wandel hin zu einem Einwanderungsland auch entlang der Diskussion ums Humboldt-Forum nachvollzogen. Der Streit ist Arbeit an der Erinnerungskultur.

"Für die Kritiker des Humboldt Forums ist die Kolonialzeit Symbol einer deutschen Ignoranz bei ganz grundsätzlichen Fragen der Eigen- und Fremdwahrnehmung."
Thomas Thiemeyer, Kulturwissenschaftler, Universität Tübingen

Den Beginn dieser Debatte setzt Thiemeyer vor dem Streit um das Humboldt-Forum an. 2013 übten Studierende der Geschichte Kritik an der Dauerausstellung des Deutschen Historischen Museums (DHM) in Berlin. Die deutsche Kolonialgeschichte, die Gewalt und der Massenmord, würden in einer Vitrine eher isoliert als erklärt.

"Wir haben in der Ausstellung nach der Kolonialgeschichte gesucht. Und haben nichts gefunden. Dann standen wir vor dieser Großvitrine, so nennt es das DHM. Wir haben es Kolonialkasten getauft."
Manuela Bauche, Historikerin

Sie erstellten einen alternativen Audioguide, der Verbindungen zwischen den Exponaten zog, die das Museum nicht beabsichtigt hatte - Thiemeyer sagt, das DHM wurde "gehackt". Die Vitrine wurde inzwischen ein wenig umgestaltet, die Dauerausstellung nicht. Der neue DHM-Direktor hat angekündigt, in den nächsten Jahren würde eine vollkommen neue Ausstellung erarbeitet. Solange hat der alternative Audioguide Gültigkeit. Wir stellen ihn und seine Macherinnen in diesem Hörsaal noch mal vor. 

Seinen Vortrag unter dem Titel "Deutschland postkolonial – das Humboldt-Forum und die deutsche Erinnerungskultur" hat Thomas Thiemeyer am 27. November 2017 an der Technischen Universität Berlin gehalten. Eingeladen hat Richard Schöne Gesellschaft für Museumsgeschichte e.V. in Zusammenarbeit mit dem Institut für Kunstwissenschaft und Historische Urbanistik an der TU Berlin. 

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