Es geht um die Vergangenheit: Die der Deutschen in Namibia, genauer: der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwestafrika. Vor über 100 Jahren wurden hier zehntausende Menschen systematisch getötet. Nun soll erneut über Entschädigungszahlungen verhandelt werden.

Die Ereignisse, die 1904 begannen, haben sich tief in das kollektive Gedächtnis der Menschen eingebrannt: das deutsche Kaiserreich hatte damals die Rechte der einheimischen Bevölkerung immer weiter beschnitten, viele Menschen litten Hunger. Daraufhin sabotierten Herero-Kämpfer Bahnverbindungen und überfielen deutsche Siedlungen. Der sogenannte Hereroaufstand wurde brutal niedergeschlagen. Zehntausende aus den Völkern der Herero und Nama in die Wüste getrieben, wo sie verdursteten. Bis 1908 starben mindestens 65.000 Herero – 80 Prozent des gesamten Volkes, sowie die Hälfte der Nama. Die Überlebenden wurden in Konzentrationslager gebracht, ihr Besitz konfisziert.

Keine Entschuldigung

Eine Tat, die Historiker als Völkermord einordnen. Auch der politische Führer der Herero Vekuii Rukoro spricht von Völkermord und macht klar, dass eine Wiedergutmachung immer noch aussteht, erzählt Jan-Philippe Schlüter. Der Afrika-Korrespondent hat während seiner Recherchen in Namibia mit ihm gesprochen. Die bisherige Haltung Deutschland bezeichnet der erfolgreiche Geschäftsmann Vekuii Rukoro als "dumm".

Die Bundesregierung zeigte sich lange Zeit zwar betroffen, sprach von historischer Verantwortung, lehnte bisher jedoch eine offizielle Entschuldigung der Regierung und Entschädigungszahlungen ab. 2015 aber, zum 100-jährigen Gedenken an das Ende der deutschen Kolonialherrschaft in Südwestafrika, spricht auch die Bundesregierung erstmals von "Völkermord". Im nächsten Schritt soll nun erneut mit der namibischen Regierung verhandelt werden.

"Die Menschen sind einfach sehr sehr enttäuscht, wie sie von der deutschen Regierung in den letzten Jahren behandelt wurden."
Jan-Philippe Schlüter, Korrespondent für das südliche Afrika

Eine Schwierigkeit bei den geplanten Verhandlungen: bisher sitzen Vertreter der Nama und der Herero nicht mit am Tisch. Sie befürchten, dass so mögliche Entschädigungszahlungen ungleich verteilt werden. Denn viele Regierungsvertreter stammen aus dem Volk der Owambo, das ist der größte und einflussreichste Stamm in Namibia. "Das ist einer der ganz ganz kniffligen Punkte, den die Sonderbeauftragten jetzt lösen müssen: Wie bekommt man auch die Herero an den Tisch?", sagt Jan-Philippe Schlüter.

"Das wird ein diplomatischer Hochseilakt. Aber ich glaube schon, dass es eine Lösung geben wird."
Jan-Philippe Schlüter, Korrespondent für das südliche Afrika

Auch für junge Leute sind die historischen Ereignisse nach wie vor präsent. Gleichzeitig gibt es viele aktuelle Probleme, mit denen sie zu kämpfen haben: eine hohe Arbeitslosigkeit, beschränkter Zugang zu Bildung, Armut. "Namibia ist eines der ungerechteste Länder der Welt, wenn es um die Verteilung des Reichtums geht", sagt Jan-Philippe Schlüter. Die Hoffnung ist, dass sich durch die Zahlungen die Lage vieler Herero und Nama verbessern lasse.

Die Spuren der ehemaligen deutschen Kolonie sind auch heute mehr als deutlich. Dies zeigt sich nicht nur, daran, dass es in Windhuk problemlos möglich ist, ein Mettbrötchen zu bestellen. Deutsche haben eine wichtige Position in der Wirtschaft: Vielen gehören die großen Farmen. Gemeinsam ist der Wunsch, dass deutsch-namibische Verhältnis nicht mehr zu belasten und sich sowohl über eine Form der Entschädigung, als auch einer offiziellen Entschuldigung einig zu werden. "Es muss irgendeinen Kompromiss geben", sagt Jan-Philipp Schlüter.