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Was hat den deutschen Blick auf Russland geprägt? Um das zu beantworten, schaut der Historiker Stefan Creuzberger zurück auf die Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Revolution und Umbruch, Terror und Gewalt, Abgrenzung und Zusammenarbeit: Für Stefan Creuzberger sind das die Pole, zwischen denen sich die deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert bewegen.

Der Historiker beginnt seinen Rückblick auf diese spezielle Beziehung im Jahr 1917: Die USA treten in den Ersten Weltkrieg ein und in Russland ereignet sich die Oktoberrevolution. Die Deutschen werden, wie Stefan Creuzberger sagt, zum "Geburtshelfer" der Revolution, als sie Lenin ermöglichen, aus dem Schweizer Exil nach Petrograd zu reisen. Die Deutschen haben die Hoffnung, daraus Vorteile an der Ostfront zu ziehen.

Oktoberrevolution: Die Deutschen werden zu Gehilfen

In der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg seien sowohl die Weimarer Republik als auch das bolschewistische Sowjetrussland "die Parias des Mächte-Systems" gewesen, so Stefan Creuzberger. Bei Länder waren isoliert.

"Deutschland, das Land von Marx und Engels, hoch industrialisiert, ein Proletariat mit Bewusstsein: Die klassischen Voraussetzungen, wenn man Revolution machen möchte."
Stefan Creuzberger, Historiker, Universität Rostock

Ab 1922 finden beide Länder zusammen: Sie besiegeln im Vertrag von Rapallo die Aufnahme diplomatischer Beziehungen und verzichten gegenseitig auf den Ersatz der Kriegskosten und Kriegsschäden. Aus diesem Vertrag erwächst im Folgenden ein "Sonderverhältnis", so Stefan Creuzberger.

"Die Sowjetmacht war im höchsten Maße daran interessiert, deutsches Know-how zu bekommen."
Stefan Creuzberger, Historiker, Universität Rostock

Man arbeitet in der Wirtschaft zusammen, aber insgeheim auch militärisch. Beide Seiten profitieren davon, gerade auch in Zeiten der Weltwirtschaftskrise.

Schwarz-weiß Archivfoto: Am 23. August 1939 unterzeichnet der sowjetische Außenminister Molotow den Hitler-Stalin-Pakt. Er sitzt an einem Tisch. Im Hintergrund steht unter anderem Josef Stalin.
© picture-alliance I dpa | DB
Der sowjetische Außenminister Wjatscheslaw Molotow unterzeichnet den deutsch-russischen Nichtangriffskrieg. Im Hintergrund links steht der Außenminister des Deutschen Reiches, Joachim Ribbentrop. Neben ihm steht Josef Stalin.

Am 23. August 1939 vereinbaren das Deutsche Reich und die Sowjetunion im Hitler-Stalin-Pakt, sich nicht gegenseitig anzugreifen. Außerdem gibt es ein geheimes Zusatzprotokoll: Man will die Staaten Ostmitteleuropas untereinander aufteilen.

"Das geheime Zusatzprotokoll steht für den Beginn des Aufstiegs der Sowjetunion von der Regional- zur Welt- und Supermacht."
Stefan Creuzberger, Historiker, Universität Rostock

Wenige Tage später, am 1. September 1939, überfällt die Wehrmacht Polen. 1941 folgt der deutsche Überfall auf die Sowjetunion im sogenannten Unternehmen Barbarossa. Beide Nationen dominieren den Kontinent bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges.

Die Beziehungen im Kalten Krieg

Stefan Creuzberger beschreibt auch, wie die Bundesrepublik unter Konrad Adenauer 1955 diplomatische Beziehungen mit der Sowjetunion aufnimmt und wie die westdeutsche Entspannungspolitik unter Willy Brandt im Kalten Krieg aussieht.

Portraitbild des Historikers Stefan Creuzberger. Er hat graues kurzes Haar, trägt einen dunkelblauen Anzug und lacht freundlich Richtung Kamera.
© picture alliance I dpa | Monika Skolimowska
Der Historiker Stefan Creuzberger erforscht insbesondere die deutsche Geschichte nach 1945, ebenso die Geschichte der Sowjetunion und Osteuropas im 20. Jahrhundert.

Westdeutsche Bundeskanzler seien lange Zeit und auch nach 1989/90 Mittler im Ost-West-Konflikt zwischen Kreml und Weißem Haus gewesen. Sie betrieben "Pendelpolitik".

Der historische Abriss von Stefan Creuzberger endet mit dem großflächigen Angriff Russlands auf die Ukraine und den deutschen Reaktionen darauf.

Stefan Creuzberger hat den Lehrstuhl für deutsche und osteuropäische Zeitgeschichte an der Universität Rostock inne. 2022 erschien sein Buch "Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung". Seine Vorlesung "Furcht und Bewunderung, Feindschaft und freundschaftliche Nähe. Die deutsch-russischen Beziehungen im langen 20. Jahrhundert" hielt er am 8. April 2026 vor seinen Studierenden an der Universität Rostock.

Weitere Lektüre zum Thema bietet auch die Bundeszentrale für politische Bildung:

Shownotes
Deutschland-Russland
Die Geschichte einer besonderen Beziehung
vom 05. November 2026
Moderation: 
Katja Weber
Vortragender: 
Stefan Creuzberger, Historiker, Universität Rostock
  • Beginn des Vortrages: Revolution und Umbruch ab 1917
  • Der Hitler-Stalin-Pakt und das geheime Zusatzprotokoll 1939
  • Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg bis zum Kalten Krieg
  • Von der Wende bis zur Zeitenwende
Quellen aus der Folge:
  • Stefan Creuzberger, Das deutsch-russische Jahrhundert. Geschichte einer besonderen Beziehung, Hamburg 2022