Wie lernen Ärztinnen und Ärzte neue OP-Techniken, wenn das Studium längst vorbei ist? In Köln gibt es dafür eine ungewöhnliche Trainingsmethode: simulierte Operationen – mit echten menschlichen Leichenteilen und auch echten Knochenbrüchen.
Ein Knochenbruch kann schnell passieren: wenn wir mit dem Rad oder E-Roller stürzen oder die Treppe hinunterfallen. Chirurg*innen haben im Studium geübt, wie sie solche Brüche behandeln – allerdings nur an Präparaten oder Plastikknochen.
Echte Knochenbrüche für Übungszwecke
Um realitätsnähere Operationen zu Übungszwecken zu ermöglichen, hat das Kölner Unternehmen Rimasys eine Maschine entwickelt, mit der Knochen gezielt gebrochen werden können. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Martin Schütz war vor Ort und hat sich angesehen, wie das abläuft. "Ein Gewicht fällt in einem bestimmten Winkel mit einer bestimmten Kraft auf ein Leichenteil und bricht dann einen Wirbel, einen Arm oder ein Bein", erklärt er. "So, wie das auch in der Realität passiert."
Verschiedene Brüche wie im Katalog auswählen
Die Körperteile sind noch vollständig: Knochen, Muskeln, Sehnen, Blutgefäße, Nerven – alles ist vorhanden. "Die Körper und Körperteile werden tiefgefroren gelagert, aufgetaut und mithilfe einer Maschine mit dem gewünschten Bruch versehen", so unser Reporter.
Kundinnen und Kunden können bei der Firma Rimasys wie in einer Art Katalog auswählen, welche Art von Bruch sie für Schulungen und Trainings benötigen.
"Wir sind in der Lage, knapp 180 verschiedene Frakturmuster, wie sie im echten Leben durch Stürze oder Unfälle vorkommen, zu simulieren."
In der Firmenzentrale in Köln stehen für Schulungszwecke Trainingsräume zur Verfügung, in denen die Seminare stattfinden. Deutschlandfunk-Nova-Reporter Martin Schütz war bei einem mit dabei.
"Als ich vor Ort war, haben dort vier chirurgische Teams aus den USA trainiert, wie sie eine bestimmte Wirbelsäulenfraktur operieren. Dafür wurden im Vorfeld vier menschliche Oberkörper aufgetaut und mit dem entsprechenden Bruch versehen", erzählt er.
"Die restlichen Teile des Spenderkörpers – Arme, Beine und Kopf – wurden abgetrennt und für weitere Trainings eingelagert."
"Die Teams haben wie in einem normalen OP-Saal um das jeweilige Präparat gestanden, dazu noch ein Trainer pro Team", so Martin Schütz. Nach fast jedem Arbeitsschritt wurde eine Röntgenaufnahme gemacht, um zu kontrollieren: Wie wurde der Arbeitsschritt ausgeführt? Was lief gut, was war schwierig und was muss als Nächstes gemacht werden?
Operationen sind deutlich realer
Der entscheidende Vorteil: Das Ganze kommt einer OP an einem lebenden Menschen sehr nah.
"Im Studium wird oft mit Plastikknochen geübt, bei denen keine Haut, kein Fettgewebe, keine Muskeln, keine Sehnen und so weiter vorhanden sind. Das ist hier anders", sagt Professor Bertil Boullion. Er leitet die Klinik für Orthopädie, Unfallchirurgie und Sporttraumatologie am Klinikum Köln-Merheim. Bis auf die Blutung sei alles sehr real, erklärt der Mediziner.
"Ich kann Nerven verletzen, ich kann Gefäße verletzen und ich kann den Zugangsweg zur Fraktur entsprechend trainieren."
"Ich habe auch tatsächlich eine Fraktur im Knochen, die ich mit dem Weichteil zusammen wieder korrekt einstellen muss."
Bertil Boullion schätzt, dass ein Training dort so viel Wissen vermittelt wie zehn Operationen an einem lebenden Patienten.
Freiwillige stellen ihre Körper nach dem Tod zur Verfügung
Ein Großteil der verwendeten Leichenteile stammt aus den USA. Das Unternehmen sagt, dass es sich um Freiwillige handelt, die ihren Körper nach dem Tod für die Forschung zur Verfügung stellen. Die Körper werden eingefroren und anschließend nach Deutschland gebracht.
Nach jedem chirurgischen Training werden die Präparate zugenäht und verpackt. In der Regel werden sie anschließend eingeäschert und die Asche auf einer Friedwiese verstreut – so zumindest gibt es das Unternehmen an.
