Wer folgt nach dessen Tod auf den Propheten Mohammed? Am Streit über diese Frage teilte sich der Islam. Über den historischen Konflikt, die Unterschiede zwischen den Glaubensrichtungen und wie diese politisch bis heute genutzt werden.
Der Prophet Mohammed starb während der sogenannten Abschiedswallfahrt im Juni 632. Sein Tod kam überraschend und seine Nachfolge war nicht geregelt.
Unmittelbar danach entbrannte ein Streit darüber, wer dem Propheten Mohammed folgen sollte. Die einen meinten, die Gemeinschaft der Muslime sollte von einem frommen und fähigen Mann geleitet werden, der jedes Mal neu auszuwählen sei.
Ein Kalif, also ein religiös-politischer Führer und Nachfolger des Propheten, könne demnach jeder Muslim werden, der die geforderten Eigenschaften nachweise. Diese Gruppe gab sich den Namen Sunna, was so viel bedeutet wie "nach überliefertem Brauch". Die Angehörigen der Gemeinschaft sind die Sunniten.
Der Streit über die Nachfolge des Propheten Mohammed
Dagegen stellten sich jene Muslime, die der Auffassung waren, alle Nachfolger des Propheten Mohammed müssten in direkter Blutslinie von ihm abstammen. Sie nannten sich Schiiten, nach dem Begriff "Schia Ali" – in etwa Partei oder Gefolgschaft Alis.
Die Rolle des Kalifen Ali ibn Abi Talib
Die ersten vier Kalifen nach dem Tod des Propheten waren mit Mohammed verwandt und/oder durch Heirat familiär verbunden. Sie werden die vier "rechtgeleiteten Kalifen" genannt. Die Aufspaltung des Islam in Sunniten und Schiiten hat bis heute nicht nur religiöse, sondern auch politische Folgen. In dieser Folge "Eine Stunde History" geht es um die Ursprünge dieser Teilung.
Der Islamwissenschaftler Jens Scheiner von der Universität Göttingen beschäftigt sich mit der kulturellen und religiösen Geschichte des Nahen Ostens. Dazu gehören unter anderem die Unterschiede sowie die Gemeinsamkeiten zwischen Sunniten und Schiiten. Jens Scheiner spricht über den Streit über die Nachfolge.
"Das war ein Konflikt, der an Tag Eins entstanden ist, nachdem Mohammed gestorben ist."
Außerdem erklärt der Islamwissenschaftler die Rolle von Ali ibn Abi Talib bei der Trennung der beiden islamischen Hauptzweige. Ali ist der Cousin des Propheten. "Er war auch verheiratet mit einer Tochter Mohammeds und er war einer der ersten Muslime", sagt Jens Scheiner.
Entscheidend sei auch die Schlacht von Kerbela im Jahr 680, in der Hussein, der Sohn Alis, getötet wird.
"Das war der Moment, wo aus einer politischen Bewegung eine politisch-religiöse wird."
Jens Scheiner sieht in der Schlacht eine Art Initialzündung, die aus den politischen Anhängern Alis eine theologische Gruppe macht. Das Martyrium Husseins und
die Buße seiner Anhänger sei im Laufe der schiitischen Geschichte zu einem wichtigen Element der Religionspraxis geworden.
Unterschiede als Machtinstrument
Toby Matthiesen ist Historiker und Islamwissenschaftler an der Universität Bristol. In seinem Buch "The Caliph and the Imam: The Making of Sunnism and Shiism" zeichnet er die Gründe für die Trennung von Schiiten und Sunniten nach.
Der Historiker erklärt die globale Ausbreitung des Islam, auch im Kontext der Sunniten und Schiiten. Er betont, dass Unterschiede auch politisch genutzt wurden, um Machtansprüche zu legitimieren. Ebenso hätten auch Kolonialmächte, wie das British Empire, durch eine Verrechtlichung der Unterschiede zwischen Sunniten und Schiiten diese verstärkt.
Sunniten und Schiiten in Europa
Die Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur von der Universität zu Köln beschäftigt sich mit Sunniten und Schiiten im modernen Europa. Der sunnitische Islam sei historisch schon viel länger in Europa und hat – wie weltweit – mehr Anhänger als der schiitische.
"Eine wirklich ganz große Ökumene kann es meiner Ansicht nach nicht geben, weil sich in den Dogmen zu viele Unterschiede auftun."
Katajun Amirpur geht auf die unterschiedlichen Religionspraktiken ein, ebenso auf Gemeinsamkeiten und auf Reformbemühungen im Islam.
Der Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Dr. Matthias von Hellfeld blickt zurück auf den Zeitraum nach dem Tod Mohammeds.
Und Deutschlandfunk-Nova-Reporterin Veronika von Borries beschreibt die Unterhaltung zweier Freunde, die sich in einer Karawanserei treffen und in der Frage der Nachfolge Mohammeds unterschiedlicher Meinung sind.
Unser Titelbild zeigt die Prophetenmoschee in Medina. Darin befindet sich die Grabstätte Mohammeds.
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- Veronika von Borries beschreibt die Unterhaltung zweier Freunde, die bei der Nachfolge Mohammeds unterschiedlicher Meinung
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- Islamwissenschaftlerin Katajun Amirpur beschäftigt sich mit Sunniten und Schiiten im modernen Europa
