Christen wurden im Römischen Reich verfolgt und zu Götter-Opfern verpflichtet. Mit Kaiser Konstantin änderte sich ihre Stellung grundlegend. Doch die Konstantinische Wende von 313 war kein plötzlicher Umbruch, sondern Anfang eines langen Prozesses.
Über Jahrhunderte war das Christentum nur eine von vielen Religionen im Römischen Reich. Für seine Anhängerinnen und Anhänger gab es allerdings ein grundsätzliches Problem: Sie glaubten an einen einzigen Gott und weigerten sich deshalb, an manchen öffentlichen Kulten und Opferhandlungen teilzunehmen.
Das konnte sie in Konflikt mit den Herrschenden bringen. Denn Religion und politische Loyalität waren damals eng miteinander verbunden. Wer sich vorgeschriebenen Opfern entzog, musste zeitweise mit Sanktionen rechnen. In einigen Phasen wurden Christen deshalb systematisch verfolgt.
Deutschlandfunk-Nova-Geschichtsexperte Matthias von Hellfeld beschreibt die politische Lage im Imperium Romanum vor Beginn vor Konstantins.
Christen im Konflikt mit der Herrschaft
Ganz so, wie spätere Märtyrer-Erzählungen oder Filme es darstellen, muss man sich diese Verfolgungen allerdings nicht vorstellen, sagt die Theologin Katharina Heyden. Sie ist Professorin für Ältere Geschichte des Christentums und der interreligiösen Begegnungen an der Universität Bern.
Vieles sei nachträglich ausgeschmückt worden. Historisch belegt sind beispielsweise Opfergebote: Menschen mussten nachweisen können, dass sie an den vorgeschriebenen Kulten teilgenommen hatten.
Das Christentum ließ sich nicht verdrängen
Dafür gab es sogar Bescheinigungen. Im Jahr 311 änderte Kaiser Galerius – in dieser Zeit gab es mehrere Kaiser im Römischen Reich – den Umgang mit den Christen.
Sein Toleranzedikt erlaubte ihnen die Ausübung ihres Glaubens, solange sie sich dem Kaiser gegenüber loyal verhielten. Die Verfolgung hatte ihr Ziel ohnehin nicht erreicht: Das Christentum ließ sich nicht aus dem Reich verdrängen.
"Das zeigt, dass das Ziel der Christenverfolgung eigentlich immer gewesen ist, die Christen in die römische Gesellschaft zu integrieren."
Von den Christen wurde nun unter anderem erwartet, dass sie für das Wohl des Kaisers und des Reiches beteten. Damit entstand ein Kompromiss: Sie mussten nicht anderen Göttern opfern, konnten gleichzeitig aber ihre politische Loyalität zeigen.
Zwei Jahre später folgte der nächste wichtige Schritt: 313 vereinbarten Kaiser Konstantin und Kaiser Licinius Religionsfreiheit im Römischen Reich. Christinnen und Christen konnten ihren Glauben nun legal ausüben. Gleichzeitig begann Konstantin, das Christentum zunehmend zu fördern.
Kaiser Konstantin: christlicher Glaube und politisches Kalkül
Konstantin herrschte von 306 bis 337, ab 324 als alleiniger Kaiser des Imperium Romanum. Dessen Verhältnis zum Christentum beschäftigt Historikerinnen und Historiker bis heute.
In eigenen Äußerungen nämlich bekannte Konstantin sich zum Christentum. Gleichzeitig präsentierte er sich gegenüber nichtchristlichen Bevölkerungsgruppen weiterhin in einer Weise, die an traditionelle römische Vorstellungen anschloss.
War seine Hinwendung zum Christentum also echter Glaube oder politisches Kalkül? Für den Althistoriker Bruno Bleckmann ist diese Gegenüberstellung zu einfach – beides wäre ja gleichzeitig denkbar. Der Professor für Alte Geschichte an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist Experte für die Zeit Konstantins.
"Das eine schließt ja das andere nicht aus: Er hat eindeutig politische Ziele gehabt, aber er hing dem Christentum persönlich an."
Konstantins christliche Überzeugung passte ihm zufolge zu seinem politischen Selbstverständnis. Er sah sich als Herrscher, der von Gott eingesetzt war und eine besondere Aufgabe zu erfüllen hatte. Christlicher Glaube und kaiserlicher Machtanspruch konnten sich so gegenseitig verstärken.
Eine zentrale Rolle in der Überlieferung spielt dabei die Schlacht an der Milvischen Brücke im Jahr 312: Konstantin besiegte dort seinen Rivalen Maxentius und wurde Herrscher über den Westen des Reiches.
Konstantinische Wende: Mehr als Religionsfreiheit
Der Legende nach soll er vor der Schlacht ein christliches Zeichen am Himmel gesehen haben: das Christusmonogramm Chi Rho. Die Ereignisse dort schildert Deutschlandfunk-Nova-Reporter Matthis Jungblut.
Ob dieses Erlebnis tatsächlich so stattgefunden hat, lässt sich nicht klären. Für Bruno Bleckmann ist etwas anderes entscheidend: Mit solchen Visionserzählungen konnte Konstantin deutlich machen, dass er die Unterstützung des christlichen Gottes für sich beanspruchte. Dass römische Kaiser sich auf übernatürliche Unterstützung beriefen, war dabei grundsätzlich nichts Neues.
Die Kirche wird Teil der politischen Ordnung
Die sogenannte Konstantinische Wende ging über bloße Religionsfreiheit hinaus. Konstantin bevorzugte das Christentum zunehmend. Christliche Bischöfe konnten öffentliche Funktionen übernehmen und die Kirche wurde enger mit dem Staat verbunden.
Bruno Bleckmann spricht deshalb nicht nur von einer Christianisierung des Römischen Reiches. Die christliche Kirche habe sich gleichzeitig auch selbst verändert.
"Es geht nicht nur um die Christianisierung des Römischen Reiches, gewissermaßen um die Imperialisierung der christlichen Kirche."
Eine Religionsgemeinschaft, die zuvor teilweise in Opposition zum römischen Staat gestanden hatte, wurde so stärker in das Reich eingebunden.
Katharina Heyden warnt allerdings davor, sich das Jahr 313 als einen einzigen historischen Wendepunkt vorzustellen, an dem plötzlich alles anders wurde. Die Veränderungen zogen sich über Jahrzehnte hin, erklärt sie.
"Wende klingt natürlich immer so ein bisschen wie der Mauerfall 1989. So ist es sicherlich nicht gewesen."
Die Konstantinische Wende sei vielmehr ein Prozess gewesen, der bis ins 5. Jahrhundert reichte. Den Menschen im Jahr 313 dürfte kaum bewusst gewesen sein, welche langfristigen Folgen die Veränderungen haben würden.
Auch die nichtchristliche Bevölkerung reagierte unterschiedlich. Manche erkannten neue Karrierechancen. Andere sahen im Aufstieg des Christentums einen kulturellen Niedergang. Die traditionellen Kulte verschwanden jedenfalls nicht sofort.
Ein Kaiser mischt sich in Glaubensfragen ein
Mit der Förderung des Christentums entstand für Konstantin zudem ein neues politisches Problem: Die Christen waren sich untereinander keineswegs einig. Besonders heftig wurde über das Verhältnis zwischen Gott und Jesus Christus gestritten.
Konstantin wollte diese Konflikte eindämmen und berief 325 das Konzil von Nicäa ein. Rund 250 Bischöfe, vor allem aus dem griechischsprachigen Osten des Reiches, kamen zusammen. Dass ausgerechnet der Kaiser bei einer theologischen Auseinandersetzung eine so wichtige Rolle spielte, zeigt, wie sehr sich das Verhältnis von Staat und Christentum bereits verändert hatte.
Konstantin wollte die verschiedenen christlichen Gruppen zu einem Kompromiss bewegen. Gelöst wurde der Streit dadurch allerdings nicht.
"Verschiedene Gruppen wurden zum Kompromiss gezwungen. Und das erklärt dann auch, warum das Konzil von Nicäa den Streit nicht beendet hat, sondern eigentlich erst so richtig ins Laufen gebracht hat."
Die Konflikte über Glaubensfragen bestimmten die christliche Geschichte noch jahrzehntelang. Ein weiteres Konzil in Konstantinopel versuchte 381 erneut, verbindliche Positionen festzulegen. Das gelang unter anderem dadurch, dass andere christliche Gruppen ausgeschlossen und als häretisch, also ketzerisch, verurteilt wurden.
Ein einheitliches Christentum gab es nie
Trotz dieser Konzilien entstand keineswegs eine vollkommen einheitliche Kirche. Unterschiedliche Gruppen, Glaubensvorstellungen und Traditionen begleiteten das Christentum von Anfang an.
Die Vorstellung, zunächst habe es eine einheitliche Kirche gegeben, die sich erst Jahrhunderte später in verschiedene Konfessionen aufgeteilt habe, sei deshalb irreführend, sagt Kirchenhistoriker Volker Henning Drecoll. Er ist Professor für Kirchengeschichte mit dem Schwerpunkt Alte Kirche an der Universität Tübingen.
"Ein einheitliches Christentum hat es eben nie gegeben. Schon in neutestamentlichen Zeiten nicht."
Schon die frühen christlichen Gemeinden stritten darüber, was den Glauben ausmachte. Solche Auseinandersetzungen setzten sich nach Konstantin fort, nun allerdings unter völlig anderen politischen Voraussetzungen: Entscheidungen über Glaubensfragen konnten mit kaiserlicher Förderung, gesellschaftlichem Einfluss und später auch staatlicher Benachteiligung anderer Gruppen verbunden sein.
Das Römische Reich wird allmählich christlich
Der Wandel, den Konstantin angestoßen hatte, setzte sich nach seinem Tod fort. Im Laufe des 4. und 5. Jahrhunderts wurde das Christentum immer dominanter. Gleichzeitig verloren die zahlreichen traditionellen Religionen des Römischen Reiches an Bedeutung.
Auch das Stadtbild veränderte sich. Kirchen wurden zunehmend an zentralen Orten errichtet, und christliche Institutionen prägten das gesellschaftliche Leben.
"Vom fünften, sechsten Jahrhundert an wird das Imperium Romanum in Anführungszeichen christlich."
Damit wird deutlich, warum Historikerinnen und Historiker bis heute von der Konstantinischen Wende sprechen. Konstantin machte das Römische Reich nicht im Jahr 313 plötzlich christlich. Unter seiner Herrschaft begann aber eine Entwicklung, in der sich Staat und Kirche immer enger miteinander verbanden.
Aus einer zeitweise verfolgten religiösen Minderheit wurde innerhalb weniger Generationen eine gesellschaftlich und politisch dominante Kraft. Und diese Entwicklung sollte Europa weit über das Ende des Römischen Reiches hinaus prägen.
Unser Bild zeigt die Fragmente der Konstantin-Statue im Palazzo Dei Conservatori in Rom. Konstantin hatte die Marmorstatue nach seinem Sieg gegen seinen Konkurrenten Maxentius in der Schlacht an der Milvischen Brücke etwa um 312 bis 315 anfertigen lassen. Ursprünglich war sie etwa zehn bis zwölf Meter hoch.
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