Wenn Busse und Lkw rechts abbiegen, kommt es immer wieder zu tödlichen Unfällen, weil Fußgänger und Fahrradfahrer in den toten Winkel geraten und übersehen werden. Abbiege-Assistenten sollen für mehr Sicherheit sorgen. Ab Juli 2022 werden sie in der EU bei neu zugelassenen Lkw und Bussen Pflicht.

Denny Jarosch fährt seit 14 Jahren Lkw. Obwohl er im Führerhaus hoch über der Straße sitzt und links und rechts von ihm große Spiegel an seinem Fahrzeug angebracht sind, verhindert das nicht, dass es einen toten Winkel gibt. Das ist der Bereich seitlich des Fahrzeugs, beziehungsweise davor und dahinter, den der Fahrer nicht einsehen kann. Je nach Zahl und Größe der Fenster und Rückspiegel ist dieser Bereich unterschiedlich groß. Aber selbst, wenn er noch so klein ist, ist das lebensgefährlich für jeden Fußgänger und Radfahrer, der sich darin befindet.

"Der tote Winkel, da passt ein ganzes Auto, oder eine kleine Gruppe an Menschen rein."
Denny Jarosch, Lastkraftwagen-Fahrer

Damit der Fahrer den toten Winkel besser einsehen kann, gibt es sogenannte Abbiegeassistenten. Solch ein Assistent wurde auch in Denny Jaroschs Fahrzeug verbaut. Seit einem halben Jahr fährt er damit und zeigt unserer Reporterin Felicitas Boeselager auf dem Parkplatz des Abwasserunternehmens Hansewasser in Bremen, für das er arbeitet, wie der Assistent funktioniert.

Sobald er den Abbiege-Assistenten einschaltet, verwandelt sich das Navigationssystem in Denny Jaroschs Lkw in einen Bildschirm, der den Außenbereich rechts vom Lkw zeigt, denn dort ist eine Kamera eingebaut. Besonders gefährlich sind Situationen, in denen ein LKW rechts abbiegen will und ein Fahrradfahrer, oder eine Fußgängerin im toten Winkel steht. 37 Menschen sind in Deutschland im Jahr 2017 gestorben, weil ein Lkw-Fahrer sie nicht gesehen hat.

"Die E-Scooter, die kommen aus der Ecke geschossen, oder Fahrradfahrer, die kommen manchmal so schnell vorgefahren, das kriegt man gar nicht mit. Und wenn wir irgendwo gegen fahren, dann geht es für den anderen selten gut aus und das wollen wir nicht."
Denny Jarosch, Lastkraftwagen-Fahrer

Auch wenn sich E-Scooter und Fahrräder mit hoher Geschwindigkeit nähern und in den toten Winkel eines Lastkraftwagens einfahren, ist die Gefahr hoch, dass sie übersehen werden, sagt Denny Jarosch.

"Wenn ich jetzt den Blinker rechts setze, dann schaltet sich das hier um, sodass ich den ganzen Bereich dargestellt bekomme."
Denny Jarosch, Lastkraftwagen-Fahrer

Ab 2022 müssen alle neu zugelassenen Lkw und Busse mit einem Abbiege-Assistenten ausgerüstet sein, das ist ein EU-Gesetz. Schon jetzt gibt es Fördertöpfe vom Bund, um bereits zugelassene Lkw nachzurüsten, die reichen aber nicht aus, sagt Andreas Hölzel vom ADAC zu unserer Reporterin Felicitas Boeselager. Er fordert, dass alle Lkw nachgerüstet werden, die bereits am Verkehr teilnehmen.

"Das heißt er darf jetzt nicht ohne eine konkrete Gefährdung auslösen, denn sonst nimmt auch ein bisschen die Akzeptanz des Assistenzsystems beim Fahrer ab. Je nach Konzept, soll er einfach den Fahrer warnen, informieren, oder im Idealfall dann auch das Fahrzeug stoppen."
Andreas Hölzel, ADAC

Die Abbiegeassistenten, die bisher auf dem Markt sind, funktionieren ganz unterschiedlich. Manche haben nur Kameras verbaut, andere haben zusätzlich Radarsensoren, oder benutzen Infrarot. Wichtig sei vor allem, dass sie zuverlässig sind und möglichst wenig Fehlwarnungen produzieren, sagt Andreas Hölzel vom ADAC. Abbiege-Assistenten die gleichzeitig auch eine Notbremsung machen, sind bisher noch nicht serienreif.

Fördertöpfe der EU reichen voraussichtlich nicht aus

Die Firma Hansewasser hat ihren Fuhrpark im Januar komplett umgerüstet, das hat pro Lkw 1000 Euro gekostet, insgesamt waren das 22.000 Euro. Unser Reporterin Felicitas Boeselager hat mit Oliver Ladeur, dem Pressesprecher des Unternehmens, auch über die finanzielle Belastung gesprochen, die entsteht, wenn die Abgabe-Assistenten ab 2022 Pflicht werden.

Oliver Ladeur versteht die aktuelle Diskussion um die Kosten nicht, die durch den Einbau von Abbiege-Assistenten entstehen. Für ihn geht es um die Leben der Verkehrsteilnehmer, die geschützt werden müssen, und auch um die Sicherheit seiner Fahrer, die von Unfällen, die sie verursachen, traumatisiert werden können.