Abwasserproben können dabei helfen, mehr über das Infektionsgeschehen zu erfahren, deshalb fordern Amtsärzte nun, mehr Analysen durchzuführen. Wie das funktioniert, erklärt Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes und Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung.

Wasser aus unseren Kläranlagen sei vergleichbar mit einem sehr großen Pool-Test, erklärt Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes. "Mit dem Reagenzglas kann man eine ganze Stadt oder Gemeinde erfassen und weiß dann dadurch, was ist da eigentlich los", erklärt er das Verfahren.

"Mit einem Abwassertest weiß ich über eine ganze Gemeinde Bescheid – also über viele Menschen."
Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes

Inzwischen wird in vielen Städten in Deutschland das Abwasser auf Coronaviren untersucht, aber noch nicht überall. Der Vorteil: Diese Analyse gibt auch Hinweise auf die Anzahl der unerkannten Corona-Fälle.

Schneller Hinweis auf die Inzidenz

Die Stadt Köln analysiert in einem Modellprojekt seit Oktober 2021 das Abwasser auf Coronaviren. Johannes Nießen und seine Kolleg*innen machen seitdem zweimal in der Woche eine Abwasserprobe im größten Klärwerk der Stadt.

"So kann man immer relativ früh feststellen, geht es jetzt nach oben oder unten?", erklärt er. Während Coronatests bei Einzelpersonen etwas Zeit brauchen – vor allem auch, bis sie erfasst werden, liefern die Proben aus dem Abwasser sehr schnelle und kontinuierliche Hinweise darauf, ob die Inzidenz in einer Stadt steigt oder sinkt.

"Das Abwassermonitoring ist ein preiswertes Frühwarnsystem oder auch Entwarnsystem, je nachdem, ob es nach oben geht mit der Inzidenz."
Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes

Die Abwasser-Analysen wurden während der Coronapandemie als ein europaweites Projekt gefördert. Die EU hat dafür 20 Millionen Euro über ihre Mitgliedsstaaten verstreut. Knapp vier Millionen Euro sind aus diesem Topf nach Deutschland geflossen.

Mit dem Geld konnte das Abwasser in 20 Kommunen untersucht werden, erklärt Johannes Nießen. Insgesamt gebe es inzwischen aber bereits 48 Standorte, wo Abwassermonitoring durchgeführt wird. Und es gibt Pläne, es auszuweiten.

"Es ist eine preiswerte Zusatznutzung, bei der man relativ viel und schnell erkennen kann."
Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes

Außerdem sei es verhältnismäßig preiswert. Ein Abwassertest koste etwa so viel wie 100 PCR-Tests. Und auch andere Erreger – etwa das Influenzavirus oder das Poliovirus – lassen sich im Abwasser nachweisen. Johannes Nießen geht davon aus, dass es in Zukunft mehr solcher Tests geben wird: "wo man eben auch anonym – was auch immer ganz wichtig ist, denn der Datenschutz wird an der Stelle eingehalten – die Viren nachweisen kann."

Anstecken kann man sich über das Abwasser übrigens nicht, denn das Virus hat – wenn es den menschlichen Körper verlässt, nur noch eine geringe Lebensdauer, sagt Johannes Nießen: "Wenn man das Roh-Abwasser untersucht, was in so eine Kläranlage reinläuft, dann hat man da bisher keine infektiösen Viren gefunden. Also da ist man genauso sicher wie mit dem Trinkwasser."

Anmerkung: Unser Bild zeigt, wie Laureen Winzer in einem Labor des Landesamtes für Umweltschutz Sachsen-Anhalt in Halle/Saale Proben für die PCR-Analyse präpariert. Die Wissenschaftler*innen untersuchen dort Abwasser auf den Coronavirus-Erreger.

  • Moderatorin:  Diane Hielscher
  • Gesprächspartner:  Johannes Nießen, Leiter des Kölner Gesundheitsamtes, Vorstand des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes und Mitglied im Corona-Expertenrat der Bundesregierung