Lisanne Richter setzt sich gegen Catcalling ein, sie hat unter anderem den Insta-Channel "Catcalls of Hannover" gegründet. Dort kreidet sie buchstäblich die Sprüche an, mit denen vor allem Männer weiblich gelesene oder diverse Personen belästigen.

Catcalling kann ganz unterschiedliche Formen annehmen: vom Starren und Hinterherpfeifen über sexistische Kommentare bis hin zur Gewaltandrohung. Die Grenzen sind fließend. Dabei versteht man unter Catcalling grundsätzlich die sexuelle, verbale Belästigung von Personen im öffentlichen Raum.

Dagegen setzt sich Lisanne Richter seit Jahren ein. Sie hat 2019 den Insta-Channel "Catcalls of Hannover" ins Leben gerufen. Ähnliche Instagram-Profile hatte es zuvor schon in anderen Städten in der Welt gegeben (den Ersten in New York).

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Durchschnittsalter der Belästigten: 19 Jahre

"Wir kreiden die Belästigungen da an, wo sie passiert sind. Beim Shoppen, auf dem Weg zur Arbeit oder nach Hause", sagt sie. Konkret bedeutet das, Personen können ihre Erlebnisse an Lisanne und andere Aktivistinnen schicken.

Dann geht jemand aus dem Team los und schreibt mit Kreide nieder, was passiert ist. Davon wird dann ein Foto gemacht, was wiederum auf Insta gepostet wird. "Mit dem Ankreiden zeigen wir den Menschen: Hier ist Belästigung passiert", sagt Lisanne.

"Wir wollen den Ort für die Betroffenen zurückerobern. Und den Nicht-Betroffenen zeigen, dass hier Belästigung stattgefunden hat."
Lisanne Richter, Aktivistin gegen Catcalling

Insgesamt haben Lisanne und ihr Team in den vergangenen Jahren mehr als 1.500 Belästigungen und Übergriffe angekreidet: "Weitere 400 haben wir bereits gesammelt." In den meisten Fällen sind es Frauen, die von Männern belästigt werden.

Eine Online-Umfrage des Kriminologischen Instituts Niedersachsen, an der knapp 4.000 Personen teilgenommen haben, zeigt: Das Alter, in dem Personen am häufigsten durch Catcalling belästigt werden, ist 19 Jahre. Viele sind beim ersten Mal allerdings deutlich jünger.

"Wir haben gerade einen traurigen Rekord aufgestellt", sagt Lisanne. Der dazugehörige Post liest sich wie folgt: "Ich habe ihm zugewunken. Er drückte daraufhin seine Zunge in die Wange. Ich war circa sechs." Gemeint ist, die Betroffene war sechs Jahre alt.

"Wenn man sicher aus der Situation kommt, ist das wichtigste Ziel schon erreicht."
Lisanne Richter, Aktivistin gegen Catcalling

"Wenn man sich die Sachen durchliest, die wir posten, würden die meisten wahrscheinlich sagen: 'Das möchte ich auch nicht erleben'", sagt Lisanne. Etliche Erfahrungen und Fakten kann man auch in dem gerade erschienenen Buch der Kulturwissenschaftlerin Hannah Klümper nachlesen. Es heiß: "Catcalls - Auch Worte sind Belästigung".

"Wenn es für dich Belästigung war, dann kannst du es auch so nennen."
Lisanne Richter, Aktivistin gegen Catcalling

Dabei könne die Stimmung in einer solchen Situation sehr schnell noch bedrohlicher werden, sagt Lisanne: "Dann heißt es auf einmal: 'Du bist eh hässlich, du Schlampe.'" Das Wichtigste sei dann nicht, eine schlagfertige Antwort parat zu haben, sondern sicher aus der Situation herauszukommen.

"Wenn man sich allerdings sicher fühlt, kann man darüber nachdenken, ob man was erwidert", sagt die Aktivistin. "Dann kann man etwa fragen: 'Würdest Du mit Deiner Mutter oder Schwester auch so reden?'"

Hand, die mit Kreide auf einer Straße schreibt
© Lisanne Richter

Viele fühlen sich nach einem Catcall eklig, haben Angst oder empfinden Scham, erklärt Lisanne. Ein Kompliment sei Catcalling demnach auf keinen Fall. "Bei einem Kompliment soll sich mein Gegenüber doch gut fühlen", gibt sie zu bedenken. In etlichen Ländern ist Catcalling mittlerweile verboten, in Deutschland nicht.

Im Deep Talk mit Sven Preger spricht Lisanne Richter über die "Catcalls of Hannover", was man gegen Belästigungen tun kann und warum sie selbst gerne etwas mehr wie Emma Watson wäre.