Viele Menschen scheuen sich davor das Wort 'Jude' zu verwenden – auch Jüdinnen und Juden selbst. Es wurde und wird als diskriminierende Bezeichnung genutzt, sagt der Buchautor Ronen Steinke. Aber auch viele eingedeutschte Wörter wie das Verb 'schachern' tragen Antisemitismus in sich.

Das Wort 'Jude' auszusprechen, ohne Vorbehalte und ohne sich auf die Lippen zu beißen – mit dieser Übung beginnen häufig Seminare zu Antisemitismus. Vielen fällt das nicht leicht, weil das Wort als Schimpfwort verwendet wurde und weiterhin verwendet wird, sagt der Buchautor und Journalist Ronen Steinke. Nur der Kontext und der Klang geben Hinweise darauf, ob 'Jude' zur sozialen Abwertung verwendet wird oder als sachlicher, legitimer Begriff.

'Semitisch' ist keine Alternative

Auch Jüdinnen und Juden, vor allem in der älteren Generation, vermeiden das Wort und weichen oft auf das Adjektiv 'jüdisch' aus. Andere argumentieren, dass man sich das Wort nicht nehmen lassen darf und 'Jude' verwenden sollte. 'Semitisch' sei allerdings keine Alternative, sagt Steinke. Das Wort war nie eine Selbstbezeichnung von Jüdinnen und Juden. Im 19. Jahrhundert übernahmen Judenfeinde den Begriff aus der Linguistik von den semitischen Sprachen und führten ihn in ihre Rassenideologie ein.

"Antisemitismus ist eine Wortschöpfung von Antisemiten gewesen. Eine Art Werbebegriff, mit dem dieses uralte Ressentiment wie eine Philosophie klingen sollte."
Ronen Steinke, Journalist und Buchautor

Heute bekräftigen wir mit Antisemitismus nicht mehr die Ideologie. "Wir sollten uns aber bewusstmachen, dass wir das Missverständnis in Kauf nehmen, dass 'Semit' etwas Reales wäre. Dabei war das Wort immer nur eine Schöpfung von deutschen Judenfeinden", sagt Ronen Steinke.

'Mischpoke', 'Mauschelei' und 'Geschacher'

Antisemitismus in der Sprache zeigt sich auch in Jiddismen, eingedeutschten Wörtern aus dem Jiddischen. Steinke liefert dazu in seinem Buch mehrere Beispiele. Etwa das Wort 'Mischpoke', das im Deutschen für eine korrupte Gruppe oder üble Gesellschaft verwendet wird und eine abwertende Bedeutung hat. Im Jiddischen ist es dagegen ein wertneutraler Begriff für Familie.

Ähnlich auch das Verb 'schachern', das vom jiddischen Wort für 'handeln' abgeleitet wurde. Im Deutschen beschreibt es dagegen unaufrichtiges Handeln. "Deutschsprechende haben diese Bezeichnung gewählt, weil sie mit Juden Unaufrichtigkeit und Verschlagenheit verbunden sehen wollten", so Steinke. Ein weiteres Beispiel ist 'Mauschelei'. 'Mauschel' war im Spätmittelalter ein Spottname für 'den' Juden, abgeleitet vom jüdischen Vornamen Moses.

"Das Wort 'Mauschelei' verbietet sich aufgrund seiner Geschichte vollkommen."
Ronen Steinke, Journalist und Buchautor

In diesen Worten werden antijüdische Vorurteile transportiert, sagt Steinke. Er sieht vor allem Menschen, die sich beruflich mit Sprache auseinandersetzen, etwa Journalistinnen und Journalisten, in der Pflicht, sich zu informieren und von Formulierungen wie 'Mauschelei im Gemeinderat' abzusehen.