Ein Otto Müller hat es auf dem deutschen Arbeitsmarkt leichter als ein Ali Aydin. Das liegt nicht zwingend an seiner Qualifikation, sondern an seinem Namen. Darum setzt sich die Antidiskriminierungsstelle des Bundes für anonyme Bewerbungsverfahren ein. Ohne Namen, Alter und Foto sollen sie für mehr Chancengleichheit sorgen.

Für Menschen mit einem fremdklingenden Namen, ist die Wahrscheinlichkeit, zu einem Bewerbungsgespräch eingeladen zu werden, niedriger als für ihre Mitbewerber mit deutsch klingenden Namen. Zu diesem Ergebnis kommt etwa eine Studie des Sachverständigenrats für Migration.

"Im anonymisierten Bewerbungsverfahren soll damit geworben werden, was tatsächlich relevant ist: die persönliche Qualifikation.“
Sebastian Bickerich, Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Zu dieser statistischen Diskriminierung kommt es vor allem durch den zeitlichen Druck der Personalverantwortlichen, meint Sebastian Bickerich, Sprecher der Antidiskriminierungsstelle des Bundes. Wer von 200 Bewerbenden nur 20 zum Bewerbungsgespräch einladen kann, stütze sich auf oberflächliche Ausschlusskriterien.

Also etwa: Eine junge Frau hat schlechtere Chancen, weil sie schwanger werden könnte, und jemand mit einem ausländisch klingenden Namen wird wegen der Annahme aussortiert, dass er vielleicht nicht so gut deutsch sprechen könnte. So fallen viele Menschen frühzeitig durch das Raster und bekommen keine Chance im persönlichen Bewerbungsgespräch.

Anonymisierte Bewerbungsverfahren sollen also im ersten Schritt der Bewerbung für mehr Chancengleichheit sorgen. Die Auswählenden bekommen dabei zum Beispiel weder Name noch Alter, damit es keine Indizien auf mögliche Ausschlusskriterien gibt. Laut Sebastian Bricke wird die Bewerbung dadurch auf das reduziert, was für die Stelle tatsächlich relevant ist: die persönliche Qualifikation.

Bewerbungsfotos: Problematisch für Chancengleicheit

Aber nicht nur Name oder Alter können dafür sorgen, dass ein Bewerber oder eine Bewerberin durch das Raster der Personalverantwortlichen fällt. Besonders problematisch findet Sebastian Bickerich auch Fotos. Diese hätten eine stark subjektive Wirkung. Es könnte etwa sein, dass Bewerber jemandem ähnlich sehen, den der Personalverantwortliche nicht leiden kann oder , dass er keine innere Verbindung zu der Person aufbauen kann, weil sie ihm fremd erscheint.

Diesen Chancenungleichheiten könne man durch ein anonymisiertes Bewerbungsverfahren leicht entgegen steuern, so Sebastian Bickerich. Übrigens: Bewerbungen mit Foto sind eine deutsche Eigenheit. In den meisten Teilen der Welt sind Fotos auf Bewerbungen unüblich, teils sogar unerwünscht oder ganz verboten.

Immer mehr anonymisierte Bewerbungsverfahren

Nach einem Pilotprojekt der Antidiskriminierungsstelle berichteten sowohl Personalverantwortliche als auch Bewerbende positiv von ihren Erfahrungen in einem anonymisierten Bewerbungsverfahren. Die Hälfte aller Unternehmen hat laut Sebastian Bickerich das Verfahren auch nach dem Test beibehalten.

"Sobald Menschen das anonyme Verfahren einmal ausprobieren, sind viele überzeugt. Die Hälfte aller Personalverantwortlichen hat auch nach dem Pilotprojekt das Verfahren beibehalten.“
Sebastian Bickerich, Antidiskriminierungsstelle des Bundes

Das Verfahren sei also praktikabel und einsetzbar. In vielen Kommunen und im öffentlichen Dienst habe es sich schon etabliert. Seit 2012 lädt beispielsweise das Bundesfamilienministerium so zum Bewerbungsgespräch ein.

Auch private Unternehmen müssen Einstellungspraxis überdenken

Um einen Wandel voranzutreiben, sei es laut Sebastian Bickerich notwendig, dass auch private Unternehmen sich mit ihrer Einstellungspraxis beschäftigen und an jenen Stellschrauben drehen, die zu Diskriminierung führen. Denn oft liege genau dort das Problem: Personalverantwortliche halten an ihren für sie bewährten Ausschlussverfahren fest. Dies müsse sich ändern.

Ein anonymisiertes Verfahren reicht aus Sicht von Sebastian Bickerich allerdings nicht aus, um Chancengleichheit auf dem Arbeitsmarkt zu gewährleisten. Es sei allerdings eine Maßnahme, die sich gut umsetzen ließe. Langfristig gehe es aber um die Schaffung von diversen Arbeitsteams. Denn: Je diverser ein Team sei, desto mehr werde es durch verschiedene Erfahrungen bereichert.