Jan Böhmermann hat wieder Sprechstunde: In der Zeit bricht er sein Schweigen und äußert sich erstmals zu dem Schmähgedicht. Im Interview kritisiert er vor allem Angela Merkel. "Sie hat mich einem Despoten zum Tee serviert."

"Ich bin ein wenig unausgeschlafen", sagt Jan Böhmermann im Interview mit der Zeit, das am Mittwoch (04.05.2016) erscheint. "Ich vermisse meine Sendung und habe für meine Verhältnisse viel zu lange nichts mehr auf Twitter und Facebook gepostet." Immerhin spricht er nun erstmals über die letzten Wochen und erzählt im Interview, wie es für ihn war: Die Vorwürfe, die Einordnung der Kanzlerin und dass sie dem Strafersuchen des türkischen Präsidenten Erdogan nachgab.

Die Grenzen der Freiheit

"Am allermeisten habe ich mich über die Tatsache amüsiert, dass die Chefin des Landes der Dichter und Denker offenbar nicht einen Moment über das Witzgedicht und seine Einbindung nachgedacht hat, bevor sie sich mit ihrem öffentlichen Urteil blamiert hat."

"Die für mich schmerzhafteste Vorstellung ist wirklich, dass mich jemand wegen dieser Nummer für einen Rassisten oder Türkenfeind halten könnte. Es geht um die Grenzen der Freiheit in Deutschland."

Nach wie vor steht Böhmermann zu seinem Gedicht das - für ihn ganz wichtig - nicht aus dem Zusammenhang gerissen werden darf. Denn er habe es sich ja gerade nicht zu eigen gemacht. Erdogan einfach zu beleidigen - das sei ihm zu plump, sagt er.

"Künstlerisch war unser humoristisches Proseminar Schmähkritik ein unglaublicher Erfolg. Es hat viele überfällige Diskussionen ausgelöst, aber ich muss mich als Komiker auch nicht wundern, wenn da von der anderen Seite ordentlich was zurückkommt."

Harte Wochen für Böhmi

Einstecken musste er viel: "Als Privatperson waren die letzten Wochen für mich und mein Umfeld allerdings, ohne näher ins Detail gehen zu wollen, ein wenig turbulent", sagt er. Zu Selbstmitleid neige er aber nicht. Und er betont: "Gerade in der Türkei gibt es viele Kollegen, die mit deutlich härteren Konsequenzen ihrer künstlerischen oder journalistischen Arbeit zu kämpfen haben."

"Wer hätte gedacht, dass Didi Hallervorden und Mathias Döpfner mal Hand in Hand für die Kunstfreiheit kämpfen?"

Böhmermann erklärt im Zeit-Interview noch einmal sein Verständnis von Freiheit auf Kunst und freie Meinungsäußerung. Und er gibt sich durchaus kämpferisch: "Es ist nicht meine Aufgabe, Kunst herzustellen, die Angela Merkel oder wer auch immer als angenehm empfindet."

Am 12.Mai geht Jan Böhmermann wieder mit dem Neo Magazin Royale auf Sendung. Der Prozess steht ihm noch bevor. Seinen Humor hat er aber, so scheint es, nicht ganz verloren. Auf die Frage: "Gibt es jemanden, der Sie in den vergangenen Wochen besonders enttäuscht hat?" erwidert er: "Der Lieferservice von Rewe."